Zwei Genieleben in genialer Aufbereitung – Kehlmanns „Vermessung der Welt“

Wenn ich die Möglichkeit habe, zwischen einem Roman und einem darauf basierenden Film zu wählen, entscheide ich mich für dasjenige Unterhaltungsmedium, das mir kurzweiliger erscheint. Ich vermeide Überlängen, wo ich kann, weil ich grundsätzlich ungerne aufgehalten werde, und das selbst beim Genuss eines „guten“ Buches: Bei „Herr der Ringe“ war nach dem Auftritt von Tom Bombadil Schluss für mich, „Schuld und Sühne“ schaffte ich gerade mal bis zur Vollendung der Schuld, Thomas Manns Wälzer „Buddenbrooks“ las ich vollständig. Erwähnte ich bereits, dass ich großer Fan realistischer Literatur bin?

Der Spielfilm zur „Vermessung der Welt“ dauert geschlagene 129 Min. Da meine Konzentration nach Überschreitung der 90sten Filmminute generell und genreunabhängig zu schwinden beginnt, entschied ich mich für das Buch. Ich sollte diese Wahl nicht bereuen: Kehlmann zeichnet fiktiv die Lebensskizzen zweier bedeutender, deutscher Naturwissenschaftler nach, nämlich die von Carl Friedrich Gauß (erinnere dich an den 10 DM-Schein, solltest du kein Gesicht vor Augen haben) und die von Alexander von Humboldt (zwar auf keinem Geldstück, aber zweifelsohne bedeutend). Er schildert ihre Begegnung als alternde Männer in Berlin, nachdem sie ihr ganzes Leben parallel geforscht haben, ohne den anderen zu Gesicht zu bekommen: Gauß als Mathematiker und Astronom auf heimatlichem Felde, Humboldt als Naturforscher im exotischen Süden Amerikas.

Das Buch ist komisch, weil es der Schwere der wissenschaftlichen Entdeckungen beider Genies, ihrer aufwühlenden Lebenserlebnisse und ihrer mitunter schwierigen Persönlichkeiten eine unbestechlich gradlinige Einfachheit verleiht. compass-349656_1920 Es macht sie zu nachvollziehbaren, sogar empathiewürdigen Charakteren, ohne ihnen ihre Bedeutsamkeit und ihr Ansehen streitig zu machen. Es setzt sie von ihrem überirdischen Platz geistreicher Köpfe an einen Tisch mit Jedermann. Sie stehen sich gegenüber als unnahbare junge, später alte Männer, die in ihrer Welt permanent Fragen stellen, um Antworten zu finden. Beide haben wenig Ahnung von alltäglichen Belangen der Normalos, werden dennoch überaus sympathisch, beinahe liebenswert präsentiert: Humboldt navigiert das Schiff, das ihn nach Südamerika bringen soll, mit genauer Zeitangabe und zur Überraschung des Kapitäns an sein Ziel, versagt allerdings in zwischenmenschlichen, besonders zwischengeschlechtlichen Beziehungen. Auf eine latente Homosexualität wird angespielt, jedoch nicht eingegangen. Sein politisches Desinteresse bringt ihm einen schmerzhaften Fußtritt des Außenministers der Vereinigten Staaten ein, nachdem er gegen Sklaverei wettert. Seine herausragende Forscherposition sichert ihm hingegen den Respekt zeitgenössischer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Gauß trifft es in familiärer Hinsicht besser, er heiratet (notgedrungen) zweimal, weil er nach dem Tod seiner ersten Frau im Kindbett der ausstehenden Erziehung seiner Kinder hilflos gegenübersteht. Überhaupt wird deutlich, dass nichts ihn derart einzunehmen vermag, wie seine Profession. Stets hebt er seinen Blick zum Firmament, um den Geheimnissen der Welt auf die Schliche zu kommen. Doch seine Fortschrittlichkeit im Denken verbleibt in den Grenzen ihrer Wissenschaftlichkeit; Gauß ist politisch konservativ, ebenso wie Humboldt. Bis zuletzt entbehren beide der Fähigkeit, die Umbruchsstimmung ihrer Zeit zu durchschauen.Sie zeichnen sich durch einen herablassende Meinung über die ihnen nachfolgenden Generationen aus. Selbst Kants Theorien erscheinen ihnen überholt und nicht haltbar. Und der Leser kommt nicht umhin, ihnen zumindest ein Stückweit Recht zu geben, vielleicht aus Sympathie.

Ihre Begegnung ist das Aufeinandertreffen zweier von sich eingenommener Männer, die sich auf dem Niveau ihrer Errungenschaften erfassen. Doch weder Wissen, noch Einfluss helfen ihnen, Eugen, Gaußs Sohn aus der staatlichen Gefangenschaft nach Beisitz bei einem verschwörerischen Treffen junger Rebellen zu befreien, oder zu erkaufen. Denn Wissenschaft ist, wie jeder weiß, unbestechlich. Aber sie ist überholbar. Und so bleiben am Ende zwei Männer, die an ihren Liestungen gemessen einen festen Sitz in der deutschen Wissenschaftsgeschichte haben, nicht weniger, aber irgendwie auch nicht mehr.

Nachtrag: Aus Neugierde habe ich mir den Film dann doch angeschaut, zumindest die ersten Minuten. Zur Erklärung muss gesagt werden, dass Detlef Buck für mich ohnehin ein schwieriges Pflaster ist: Ich finde seine Filme weder komisch noch ernsthaft ernstzunehmend. Sie gewinnen mir maximal ein Schmunzeln ab. Dieser Film jedoch war, oder zumindest das, was ich von ihm gesehen habe, enttäuschend. Denn er tut genau das, was Kehlmann genial literarisch vermeidet: Er überzeichnet die Charaktere, und zwar ALLE Charaktere, macht sie zu Karrikaturen ihrer selbst, er opfert sie gewissermaßen für eine Komik, die dem Zuschauer aufgezwungen wird. Besonders die Szene, in der der heulende Wilhelm von Humboldt, Alexanders Bruder und Pionier auf dem Gebiet der Philologie, wie ein plärrendes Kleinkind vor dem Leichnam seiner Mutter gebeugt ist, bescherte mir einen Kloß im Hals. Das ist nur ein Beispiel für den insgesamt platten, stereotypen Verschnitt der Romanvorlage. In positiver Formulierung ließe sich jedoch anbringen, dass der Film großartig aufzeigt, wie gut und gewinnbringend es wäre, den Roman zu lesen. Ich wiederhole meine Meinung mit vehementer Überzeugung: Ich habe meine Wahl nicht bereut. Das Buch war ein Gewinn, der Film war ein zerschnittenes, schattenhaftes Abbild. Aber schön bunt, immerhin.

 

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