Von Vergifteten Hühnern zur Toleranz – Kippenbergs Erklärung der „Kontroverse über das Verstehen fremden Denkens“

Wie bin ich noch gleich auf diesen Text gestoßen? Richtig, ich habe mir Gedanken über das Thema „Toleranz“ gemacht.
Wann ist sie angebracht?
Wie weit muss sie gehen?
Wo liegen ihre Grenzen?

Das Reden über Toleranz ist schwierig, weil die Mitstreiter ihre Toleranzparameter je nach Haltung eigenverantwortlich abstecken. Benutzerdefiniert, sozusagen. Wer kennt sie nicht, die Lieblingsphrase eines stereotypen Egozentrikers mit pseudodiplomatischer Einstellung:
„Das muss JEDER SELBER wissen. Aber für MICH ist das nichts“, woraufhin die Betonung des „das-ist-allein-MEINE-Meinung“ mit einem fünffachen „wie gesagt, ich habe da wirklich nichts gegen!“ erfolgt. Eine Oase euphemistischer Unbeweglichkeit oder eine Sackgasse fruchtbarer Diskussion (wie ist es eigentlich um meine Toleranz bestellt, wenn ich mich derart ironischer Kommentare bediene?!). Doch sobald wir objektiv sein wollen, sobald wir uns den Dingen sachlich und unvoreingenommen nähern möchten, müssen wir tolerant sein: In der Sprache, im Denken, in der gesamten Geisteshaltung.

Die Ethnologie will objektiv anmutende Ergebnisse liefern und macht sich verstärkt Gedanken über ihre Wertungen, oder Abwertungen. Sie ist eine Wissenschaft, die sich mit der kulturellen Andersartigkeit beschäftigt, demnach einen hohen Grad an vorurteilsverminderter Offenheit bedarf. Und genau diese Offenheit gilt es zu bestimmen und zu hinterfragen, fortwährend.

Und dann kam das Huhn

DasHuhnHans G. Kippenberg zeichnet die Entwicklung des forschungsbasierten Standpunktes deutlich nach. Zwar ist der Text nicht mehr aktuell (von 1987), dennoch entwirft er ein schlüssig aktuelles Bild von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken. Als Ausgangspunkt möchte ich ein Ritual vorstellen, das Kippenberg in seinem Text nur am Rande und eher mit Betonung seines Beobachters als seines Inhaltes erwähnt, das trotzdem herausragend ist, weil es einen ethnologischen Wendepunkt markiert: Bei seinen Forschungen bei einem Stamm der Zande (nördliches Zentralafrika) dokumentierte der Anthropologe Edward Evan Evans-Pritchard ein Ritual, das für die dortige Bevölkerung zum routinierten Alltagsgeschehen gehörte. Wenn es galt, eine Frage zu beantworten, deren Antwort „Ja“ oder „Nein“ lauten könnte, verabreichteten die Zande einem Huhn eine Substanz („benge„) und stellten ihm dabei ihre Frage. Starb das Huhn, so lautete die Antwort „ja“.

Im Anfang war die Frage

Mag ich als ahnungslose Privatperson über derlei Hexenmeisterkünste lachen, so habe ich die Sache als Feldforscher ernst zu nehmen, selbst, wenn meine durch und durch humanistische Erziehung und meine rational geprägte Anschauung sich sträuben. Die Zande sind keine Artisten, sie sind schlichtweg keine Zentraleuropäer. Um sie zu verstehen, muss ich mich auf ihre Andersartigkeit einlassen, und zwar radikal! Der Umgang der Ethnologie mit solch scheinbaren „Kuriositäten“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Anschauungen sich ändern können. Und dieser Entwicklung ist die Frage vorangestellt, inwiefern mein Verständnis von Wirklichkeit meine Sicht auf „das Andere“ vernebelt.

Die Positionen stehen sich gegenüber

Kippenberg argumentiert wissenschaftlich genau, das heißt forscherbezogen mit einem Überangebot von Zitaten. Ich versuche diesen Weg zu vermeiden und reduziere seine Aussagen auf den – meines Erachtens -wesentlichen Kern. Zunächst unterscheidet Kippenberg zwei Grundhaltungen, die die Anschauung fremden Denkens leiten: Die intellektualistische und die symbolistische. Kippenberg bezieht diese Anschauungen auf die Rolle der Religion in einer Kultur: Ist sie entweder eine Konsequenz gesellschaftlicher Strukturen (symbolistische Annahme), oder ist sie vorangeschaltet als Erklärung für gesellschaftliche Strukturen (intellektualistische Annahme)? Platt ausgedrückt: Nutzt der König die Religion als Unterwerfungsinstrument oder autorisiert die Religion den König? Zunächst ist (für mich) augenscheinlich, dass beide Positionen unserem mitteleuropäischen Denken entspringen. Wieso? Weil sie an den philosophischen Universalienstreit erinnern, der seit Platon und Aristoteles geführt wird. Eine mögliche Harmonisierung beider Sichtweisen ist nur dann möglich, wenn beide Annahmen rein oberflächlich behandelt werden – wie Kompromisse es eben an sich haben. Das Ergebnis könnte dergestalt ausfallen: Der König wird durch die religiöse Macht autorisiert zu regieren, die er selbst instand setzt (eine die-Katze-beißt-sich-in-den-Schwanz-Beziehung, in der kein Part eine dominante Rolle spielt). Verbunden seien beide Sichtweisen, wie Kippenberg schreibt, durch das Verständnis der wissenschaftlichen Rationalität als empirische Evidenz. Wissenschaftliche Rationalität, was ist das eigentlich? Scheinbar handelt es sich dabei um UNSERE in Tradition geformte Art der „objektiven“ Anschauung. Die Anführungsstriche sind berechtigt!

Rationalität als Kontextfrage

Nach einigen Ausführungen über weitere mögliche Zusammenschlüsse beider Ansichten kommt Kippenberg wieder auf die Zande zu sprechen, deren Erforschung einen neuen Faktor für den Blick auf das Fremde eingeführt hat: Die Unterscheidung von Wahrheit und Kohärenz (einem in sich schlüssigen Zusammenhang). Es wird angeführt, dass die Situation, der Kontext, dem Geschehen „Rationalität“ verleiht. Das Huhnorakel ist demnach in der richtigen Situation durchgeführt für die Zande eine absolut rationale Handlung. Ebenso, wie es mir logisch erscheint, bei Bewerbungsgesprächen nicht zu essen. Wieso eigentlich, wenn ich doch Hunger habe? Wer bestimmt eigentlich, was rational ist? Ganz einfach, das System, in dem ich sozialisiert bin. Bezüglich religiöser Abläufe fällt in Kippenbergs Text der Begriff des „Glaubenssystems“.

Die niederschmetternde Kritik

Dieser Ansatz brachte der Forschung frischen Wind. Was nun in den Fokus rückte, war eine Kritik unserer Anschauungsweise mitsamt der Erkenntnis, dass nicht der Zuschauer darüber entscheidet, was vernünftig ist, sondern die Handelnden selbst, natürlich immer in Rückgriff auf ihre kulturellen Vorgaben. Z.B. ist und bleibt es uns unvernünftig, im Handstand zur U-Bahn-Haltestelle zu gehen. Wenn ein Individuum sowas tut, dann mag es lustig sein, in jedem Fall kurios. Es ist aber nicht in Entsprechung seiner kulturellen Vorgaben, WENN diese Person aus Mitteleuropa stammt. Nutze ich also ein vorgefertigtes Kategoriesystem, um das Huhnorakel zu verstehen, und dieses dann als Magie oder Hexerei bezeichne, so tue ich das auf der Grundlage von Bewertungsmustern, die ich irgendwann erlernt habe. Ziel muss es jedoch sein, diese Bewertungsfolie weitestgehend abzuschalten. Idealerweise versuche ich das Bewertungssystem desjenigen zu verstehen, dessen Kultur ich beobachte. Kippenberg schließt mit dem Fazit, dass die Annäherung an die sprachliche Wirklichkeit eines kulturellen Kreises wesentlich zu brauchbaren Ergebnissen beitragen kann, nicht das Festhalten an eingesessenen, „wissenschaftlichen“ Kategorien.

Zurück zum Huhn

Im Laufe der Forschungsgeschichte ist dem Huhnorakel Unrecht getan worden: „Benge“ wird in den deutschen Übersetzungen oft mit „Gift“ wiedergegeben. Natürlich wirkt das „Giftorakel“ bei dem Gedanken, ich vergifte ein Huhn und warte dann ab, ob es stirbt, lachhaft. Allerdings besitzen die Zande kein Adäquat zu unserem deutschen Giftbegriff. Es verändert durchaus den Blick, ob von „Substanz“, „pflanzlichem Stoff“ oder „Gift“ gesprochen wird. Genau an dieser Stelle hakt Kippenbergs Kritik ein, an dieser Stelle beginnt der Beobachter, sich auf seinen Gegenüber einzulassen, nämlich, wenn er die FREMDEN Kategorien und Ansichten erörtert.

Was der Text mir bringt

Insgesamt lese ich Kippenbergs Aufsatz nicht als ethnologischen Text (auch wenn das bei allen eröffneten Bezügen schwer fällt). Ich lese ihn eher als Plädoyer, meine eigenen Ansichten auf den Prüfstand zu legen. Denn auch ich habe im ersten Augenblick über die Hühner gelacht. Und auch ich begegne dem Fremden nicht immer so unvoreingenommen, wie ich es gerne würde. An keiner Stelle spricht er von Toleranz, doch er behandelt die Beziehung des EIGENEN zum FREMDEN. Kippenberg bietet Ansätze, die eine Reflektion der eigenen Anschauungen begünstigen. Und er zeigt Sichtweisen auf, die auch ich für richtig gehalten habe, fälschlicherweise, wie sich herausgestellt hat.

About DasKind

Eines von Vielen.
Tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.