Rene Girard über den Stellenwert von Unglücksvögeln im Sozialgefüge – Auszug aus „das Heilige und die Gewalt“

Niemand möchte freiwillig Opfer sein, weder im Sinne eines Pechvogels, noch Zielscheibe unnachgiebiger Mobbingattacken. Ganz zu schweigen davon, im Zuge eines blutigen Rituals irgendwelchen Göttern dargeboten zu werden. Dennoch ist dieser Akt wichtig für das soziale Gefüge. Das rechtfertigt ihre Unmenschlichkeit zwar nicht, doch es erklärt sie vielleicht.

Rene Girard, scharfsinniger Religionswissenschaftler und Zeitgeistkritiker, beschäftigt sich in seinen Schriften ausgiebig mit der Stellung von Opfern des sozialen Zusammenlebens. Er bettet die Opferung, sowohl von Menschen als auch von Tieren, in eine Sphäre religiöser Zusammenhänge ein: Stets richtet sie sich auf etwas, was die Realität übersteigt. Sie bezieht sich nicht nur auf gegenwärtige Zustände, sondern ist als symbolische Handlung auf die Basis des menschlichen Miteinanders gerichtet: Girard enttarnt die Opferung als den Bremsklotz für eine zwischenmenschliche Krise.

Am Anfang jeder Opferung steht ein Auslöser für Gewalt, der sagenumwobene Stein des Anstoßes: Meine Nachbarin hat vergessen, mir ein an mich adressiertes Päckchen, das sie freundlicherweise angenommen hat, auzuhändigen. In mir etabliert sich ein Gefühlsmuster, das von Mensch zu Mensch weitergegeben wird, das ich im Laufe meiner Sozialisation nachzuahmen gelernt habe: Ich werde wütend. Girard sagt, dass wir lernen, indem wir imitieren, und so lernen wir auch Gewalt, Wut und Streit. Der Konflikt wiegelt sich auf, indem nun ich etwas tue, was meine Nachbarin ärgert. Vielleicht gieße ich ihr Essig in ihre Blumenerde oder zünde eine Stinkbombe auf ihrer Wohnungstürmatte (an dieser Stelle muss der Hinweis erfolgen, dass es sich bei diesem Text tatsächlich noch um einen Literaturblogtext handelt. Alle genannten Szenarien sind Beispiele, KEINE EMPFEHLUNGEN!). Sie wird indes ein beschwichigendes Gespräch mit mir suchen, vielleicht zersticht sie mir aber auch meine Autoreifen oder ertränkt meine Katze in einem reißenden Fluss bei klirrender Kälte. Wie auch immer es sich abspielen mag, sollte der Konflikt nicht eingedämmt, sondern fortgesponnen werden, ist wahrscheinlich, dass wir im Laufe der Zeit, die wir dazu nutzen, uns zu bekriegen, vollkommen vergessen, dass alles anfing mit einem harmlosen Paket, das die Allerwerteste lediglich vergessen hat, mir zu geben. Der Auslöser wird vergessen. An seine Stelle tritt zunächst die Nachahmung der Gewalt: meine Mitbewohner ziehen mit gegen die böse Nachbarin, ihre Kinder und Enkel beziehen Stellung gegen mich. Bei konsequenter Durchführung stehen sich letzten Endes sogar meine Facebookfreunde ihren Seniorentreffkameraden gegenüber. Die Wut wird mimetisch, d.h. durch Nachahmung gepflegt, indem sie sich wiederholt. Das bedeutet, das meine Verbündeten meine Wut kopieren und auf das uns feindliche Lager übertragen. Die Abscheu steigt bei beiden Parteien, bis sie einen Höhepunkt erlebt. Dieser Höhepunkt überträgt sich, sofern wir uns gegenseitig nicht niedermetzeln, auf etwas, das Girard als „Ersatzopfer“ bezeichnet.

Das „Ersatzopfer“, ein Kernbegriff in Girards Theorie, ist ein Objekt, welches an die Stelle des Auslösers der Gewalt tritt und deren Zorn in stellvertretender Position auf sich zieht, ihm folglich zum Opfer fällt. Es muss nur zwei Bedingungen erfüllen, um Ersatzopfer zu werden: Es mus verletzlich sein (schwach) und sich in Reichweite befinden (nah). Weil es zum Opfer der Gewalt wird, und hierin liegt der Clou, kann es sie gleichzeitig befriedigen und den Konflikt somit beschwichtigen. Meine Nachbarin und ich müssten uns in (nicht unbedingt ausgesprochenem) gegenseitigem Einverständnis eine Person suchen, auf die wir unseren Groll gegeneinander übertragen. Sie muss relativ schwach sein und sie muss sich anbieten. Der bildlichen Anschauung wegen wähle ich ganz stereotyp den aknebefallenen, zahnspangetragenden Teenie aus der Nachbarschaft, der aus zerütteten Verhältnissen stammt, niemanden hat, der für ihn einstehen würde, verlassen ist, und uns regelmäßig mit seiner aufdringlichen Handymusik nervt. Weil wir uns über ihn aufregen, müssen wir uns nicht länger über uns aufregen. Das Beispiel ist platt und eingängig, aber es ist auch nachvollziehbar und logisch, oder etwa nicht?

FeuerIm weiteren Verlauf seines Textes wirft Girard die Frage auf, ob und inwiefern sich dieses Schema von Gewalt und Gewaltbewältigung übertragen lässt auf das rituell dargebrachte Opfer, also auf dasjenige Opfer, das im Zuge eines Rituals getötet wird. Denn eigentlich dreht sich Girards Text um ein religiöses Opferverständnis. Ich habe es mit meinem Beispiel plakativ und – wie ich finde – nicht zu Unrecht auf den Alltag angewandt. Er entwirft die Theorie, dass eine Gesellschaft immer bestrebt ist, Gewalt von sich abzuwenden, und deswegen ein Ersatzopfer sucht, um Konflikte nicht unter ihren Mitgliedern ausarten zu lassen. Zusätzlich lässt sie stets unerwähnt, dass es sich bei den Ersatzopfern, die sie sich sucht, um Katalysatoren für Gewalt, quasi um Ventile für die angestaute Wut handelt. Würde sie das offenkundig machen, wäre der Sinn des Ersatzopfers verfehlt. Offiziell gibt es demnach keinen Unterschied zwischen Opfern und Ersatzopfern. Beide sind Gewaltobjekte mit dem Unterschied, dass das Ersatzopfer heilig ist.

Das Ersatzopfer hält das soziale Gefüge instand, weil es die Gewalt, die unter den Menschen herrscht, auf sich nimmt (an diesem Punkt liegt der Bezug auf Jesus nahe, dem die Christen die Annahme der Opferrolle in vollem Bewusstsein seiner Handlung zugute halten). Ohne das Ersatzopfer würde die Gewalt die Menschen vernichten. Auf der anderen Seite beugt das Ersatzopfer der Gewalt vor. Es bereinigt Konflikte sozusagen „im Voraus“, also präventiv. Aus diesem Grund muss das Ersatzopfer verehrt werden. Es ist übrigens gleichgültig, ob es in Form eines Tieres oder eines Menschen erscheint. Die Fähigkeit zum Ersatzopfer ist gegeben durch das Ähnlichkeitsprinzip: Opfergeeignet ist alles, was der nicht zum Opfer geeigneten Kategorie, z.B. dem Menschen, unter Ausschluss einer Verwechslungsmöglichkeit ähnelt. In einer Gesellschaft, in der der Mensch kulturell, nicht biologisch oder anatomisch definiert wird, ist das Vorkommen von Menschenopfern nachvollziehbar. Wenn im alten Ägypten Sklaven nicht als Menschen galten und Menschen nicht geopfert werden durften, so konnten Sklaven durchaus geopfert werden. Gekennzeichnet ist das Opfer dadurch, dass während und nach seiner Tötung kein Wille zu einem Racheakt besteht. Das Opfer beendet die Gewalt, es schürt sie nicht.

Neben meinem eher plakativen Beispiel enthält Rinsers „rote Katze“ interpretative Züge eines Ersatzopfers: Der familiäre Konflikt gründet auf permanentem Hunger, Unsicherheit über die Beschaffung der nächsten Mahlzeit und Armut. Das sind die Konfliktauslöser. Doch erst das Auftauchen der Katze enttarnt die familiäre Zwietracht zwischen der Mutter und dem erzählendem Kind. Ein berechtigter Einwand dieser Ansicht wäre, dass ja nur das erzählende Kind der Katze Gewalt antut, während die restlichen Familienmitglieder die Katze versuchen zu schützen (fehlende Einvernehmlichkeit). Allerdings kann hierin ebenso eine Verschleierungstaktik stecken, die eine offensichtliche Offenbarung der Katze als Ersatzopfer verhindert. Wichtig ist das Resultat: Nachdem die Katze ertränkt ist, endet die Streiterei zwischen dem Kind und der Mutter. Beide nähern sich harmonisch an.

Girard verästelt sein Theorem auf der Basis mythologisch überlieferter Details zu einem schlüssigen Komplex. Er bringt in der Fortsetzung seines Buches bzw. seiner Bücher (Girard hat das Opfer zum Thema einer ganzen Reihe seiner Werke gemacht) stetig neue Aspekte der Opferung mit ein. Was ich aufgegriffen habe, war der Grundgedanke, das nackte Gerüst. Es erscheint mir erschreckend, auf wieviele alltägliche, politische oder tagesaktuelle Vorkommnisse es sich übertragen lässt. Das Opfer ist als Ersatzopfer definitiv eine indentitätsstiftende Größe, die den Zusammenhalt von Gruppen, Cliquen, Banden, Familien, religiösen Fundamentalisten, politischen Rebellen, usw. sichern kann. Doch es ist auch eine Methode, die nicht nur von „den ANDEREN“ angewendet wird. Es ist Teil sozialer Formation und als solcher auch in meinem, deinem, unseren Leben zu finden. Vielleicht machst du dir in einem stillen Moment einmal Gedanken darüber, was du alles verteufelst, um dich selbst gutheißen zu können. Vielleicht tust du Girards Gedanken und die von mir in diesem Artikel vorgenommene Abstraktion aber auch als Humbug ab. Schließlich ist es eine Theorie. Das ist das schöne an geisteswissenschaftlichen Texten. Sie zwingen uns zu gar nichts. Aber sie kitzeln unseren Verstand.

 


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