Kafkas „Verwandlung“ oder ein Geleitwort für die Würde

„Jeder Mensch ist frei und gleich an Würde und Recht geboren“. Zweifelsohne steht dieser Satz – von meinem Standpunkt als Ruhrpottstädter – auf dem Fundament unseres Denkens und sollte dementsprechend Maß und Maxime unserer Handlungen im Sinne eines respektvollen und anerkennenden Umgangs sein. Er bringt die unumstößliche  Überzeugung, dass Würde – ebenso wie Recht – einem jeden Menschen inne liegen. Würde wird nicht verliehen, wird nicht erarbeitet, wird nicht gewonnen oder gekauft. Sie ist da. Menschsein macht Würde. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass sie nicht aberkannt werden kann, dass ihr Vorhandensein über alle Zweifler, Mobber, Diskriminierer, Nörgler, Antipathen, Richter, Lehrer und Behördenangestellte erhaben ist. Immer.  Sie ist keine Zuschreibung von Außenstehenden, vielmehr eine Kerneigenschaft. Die Menschheit darf sich freuen, denn die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte macht die Würdelosigkeit unmöglich. Das von ihr gemalte Menschenbild strahlt hell, klar und schier uneingeschränkt positiv.

Demgegenüber steht ein Mann, der über Nacht zu einem Käfer wird. Den Anachronismus, dass die fiktive Existenz dieses Mannes vor der Festschreibung unseres – würdevollen – Leitgedankens stattgefunden hat, außer Acht lassend, bedrängt uns die Frage nach seiner Würde. Wir machen es uns nicht einfach, indem wir die Antwort in der Entmenschlichung des Protagonisten zu finden meinen. Vielmehr messen wir ihr den Wert einer Veräußerung durch seine Innenwelt bei. Er ist, was er von sich denkt zu sein. Es ist kein aktiver, kein bewusst geäußerter Gedanke, es ist eine Summe, die sich bildet aus der Überantwortung des Eigenen an andere und der Akzeptanz einer sich schleichend etablierenden, stillschweigenden Vormundschaft. Neben einem „anstrengenden Beruf“ sind ihm „die Plage des Reisens“ und „das frühe Aufstehen“ auferlegt, ebenso wie seine chitine, absonderliche Gestalt. Der Prokurist übernimmt für ihn die Rolle des Regulators, des Gebieters, des widerspruchslosen Gesetzes. Er spricht ihn als „vernünftigen Menschen“ an, gleichwohl drückt er ihm dabei sein Verständnis von Vernunft als ein ihm gefälliges Handeln auf. Samsas Entwicklung oder besser Entartung ist offensichtlich eng verbunden mit der Wahrnehmung der anderen auf sich selbst. Sie schreitet umso unumgänglicher fort, je stärker die anderen ihn als missgestaltetes Kriechtier wahrnehmen. Die wohlgemeinte Verpflegung durch seine Schwester sättigt ihn zwar kurzfristig, ändert aber nichts an seiner Situation. Schwer verletzt zum Ende seines Lebens erfährt er Duldung aus Gründen konventionell festgelegter Familienpflicht. Die Übermacht, die ihn an jeder Stelle seines Daseins überkommt und bereits lange vor dem tragischen Wandel gewirkt haben muss, erhält in den letzten Worten der Erzählung ein Gesicht: Was der Prokurist aufgegriffen und stellevertretend umgesetzt hat, wird vollendet in der Erhabenheit des familiären Zusammenschlusses, im elterlichen Blick auf die Kinder. Der wahre Paradigmenwechsel vollzieht sich nicht in der Verwandlung Samsas, sondern in der allmählichen Fokussierung seiner Schwester als Lastenträger der Verantwortung für die Geschäfte, Finanzen und festgeschriebenen Werte nach Ausfall des Bruders. Dort, wo seine Entäußerung endet, wo es nichts mehr zu holen gibt, dort beginnt ihre. Und so wie er es tat, nimmt auch sie sich ihrer Pflicht an. Ganz ohne die Angst, einst selbst zum Käfer zu werden.

Die Erzählung birgt eine Entscheidung, eine drastische, unerbittliche Befürwortung der Aufgabe seines eigenen Weges zum Wohle der anderen. Sie zeigt einen kaum merklichen Prozess, der ebenso gewalttätig wie harmlos erscheint. Sie weist auf eine Passivität, die als Aktivität getarnt nicht reflektiert werden kann: Absurd wie eingängig beschreibt sie den Verzicht auf die eigene Würde als erführe sie Ablehnung von außerhalb. Doch das tut sie nicht. Der überragende Erfolg der kriechenden Würdelosigkeit besteht darin, dieses Trugbild zu spinnen und aufrecht zu erhalten: Würde wird nicht genommen. Doch wer sich ihrer nicht bewusst ist, wer sie in sich selbst nicht sieht, wer sie verneint, sie sich selbst aberkennt, wie kann er dann für andere mehr sein als ein Käfer?  Anders ausgedrückt mahnt ein Zitat von Eleanor Roosevelt das, was aufmerksame Leser als scheinbar unbedeutende Randnotiz in Kafkas Werk finden:

„No one can make you feel inferior without your consent!“  

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