Was mir ein Baum erzählt – „Chillen für Run – aways – Entspannung für Fort – Geschrittene“ von Bruni Braun

Es ist überraschend, welche alltäglichen Momente unvorhergesehen mit Text versehen sind. Bei einem Waldspaziergang begegnete ich vor kurzem erstmals dem verschriftlichten Pendant zum Latte-auf-die-Hand: Der „Poetry to go“. Das Konzept ist erfrischend einfach: An Bäumen hängen Gedichte, die ihre Leser im Falle von Gefallen abhängen und mitnehmen können, Textkunst als Waldsouvenir sozusagen.

Als bekennender Fan schriftlicher Hinterlassenschaft tat ich wie mir geheißen, nicht zuletzt um eine Idee zu unterstützen, die mir gefällt. Alle Texte besagter Baumgruppe stammen von der Dortmunder Künstlerin Bruni Braun, deren Name mir bislang nicht geläufig war. Aus diesem Grund ließ ich die Willkür darüber entscheiden, welches der walddekorativen Exemplare ich mitnahm.

Zuhause angekommen widmete ich mich dem gelben Zettel mit der passenden Kopfzeile „Carpe diem – pflücke den Tag, carpe carmen – pflücke das Gedicht. Literaturprojekt des Stadtmarketings Scharnhorst und der Malerin und Schriftstellerin Bruni Braun“. Ich will mit meinen Erwartungen aufgrund dieses fulminanten Titels nicht hinterm Berg halten: Diese Ansage verheißt Großes! Nun zum Gedicht, und zwar, wie man es aus Schultagen kennt: Inhaltsangabe, Form, Rest.

Der Text beschreibt einen Vorgang, der aus einer stressigen Außensituation in eine entspannte Innensituation führt. Paraphrasiert geht es um das Verlassen des Computerbereiches, das Anlegen von Zuhause-Kleidung, das Fallenlassen auf die heimische Couch, Fernsehgucken und dabei amüsiert lachen. In einem abschließenden Motto fällt das Fazit: „So wird entspannt/ So wird gechillt!“.

Das Gedicht besteht aus neun Versen: Auf vier vierhebige Jamben (ihr wisst schon: x x x x x x x x (x), die roten X´e sind betont), folgen zwei vierhebige Trochäen (ein „umgekehrter“ Jambus: x x x x x x x x). Die letzten drei Verse sind ein vierhebiger Jambus und zwei zweihebige Jamben. Das Reimschemata läuft wie folgt ab: aa bb aa cdc.

Auf Anhieb augenfällig sind die vielen Anglizismen (Vers1: „online-Tür“, Vers2: „home-wear-Schrank“, Vers3: „indoor-Klamotten“, Vers4: „outdoor-dress“, Vers9 „gechillt“), die – wertend formuliert – gestelzt wirken. Dieser Eindruck „gezwungener Künstlichkeit“ tritt auch in Vers 7 deutlich auf, wo die „Lachträne“ jambisch eingefasst ist, was ihrem Wortklang unharmonisch zuwider läuft. So eigentlich würde ich die „gekünstelte Schwere“ des Gedichtes als wirksam und passend beurteilen, wenn sie nicht derart wahllos gebraucht würde: Sie böte sich ausgesprochen gut an, um die Differenz zwischen stressigem Alltag und entspannter Heimatmosphäre zu kennzeichnen, hätte die Autorin sie lediglich gebraucht im nichtheimischen Kontext, das heißt im Zusammenhang mit dem Computer und der Kleidung für Draußen. Das hätte einen wunderbaren Kontrast zu der „gezwungene-Anglizismen-freien“ Entspannung auf dem heimischen Sofa ergeben. Und es hätte zu dem von ihr erwähnten Entertainer Dieter Nuhr gepasst, der in seinen Programmen durchaus das ein oder andere kritische Wort zum Anglizismen-Sturm in Deutschland verliert (s. Berufsbezeichnungen).

Neben dieser aufgedeckten „Schwachstelle“ tritt eine zweite Inkohärenz zutage, die mit dem Ausstellungsort des Textes in Zusammenhang steht: „So wird entspannt/ so wird gechillt!“, fernsehguckend auf der Couch, das ist die Botschaft, die eifrigen, vielleicht naturliebenden Waldspaziergängern vermittelt wird. Da könnte man anfangen sich schlecht zu fühlen als Flaneur durch die grüne, erblühende Pracht. Doch glücklicherweise haben Texte immer nur den Einfluss auf uns, den wir als Leser ihnen einräumen. Gott sei Dank.

Insgesamt hat sich das Stadtmarketing eine schöne Idee einfallen lassen, mit Einzelpersonen, die sich in ihren Stadtteil „verirren“,  auf „künstlerische“ Weise in Kontakt zu treten. Für einen kurzen, gutmütigen Blick war der von mir auserwählte Text auch vollkommen ausreichend alá „es-huscht-mir-ein-leichter-Schmunzler-über-die-Lippen-und-ich-gehe-weiter“, eben eine kurzweilige Angelegenheit, die kein strapaziertes Kopfzerbrechen für sich beansprucht.

Für den kurzweiligen Anspruch schön.

Für mein literarisches Verständnis zu kurzweilig und anspruchslos.

Aber die Idee finde ich ungebrochen nett!

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