Was macht Kafka bei den Donkosaken? – Tolstois „Der Schneesturm“

Um es vorab richtig zu stellen: Kafka war (meines bescheidenen Wissens) niemals in der russischen Steppe. Aber es scheint, als hätte seine unnachahmliche Handschrift die Feder des russischen Realisten Tolstoi geführt. Da nun Kafka jünger ist als Tolstoi, halte ich es für falsch, Tolstois Erzählung als kafkaesk zu bezeichnen. Und ob Kafka nun tolstoi“esk“ ist, sollte an anderer Stelle diskutiert werden. Die Quintessenz meiner verschrobenen Worte soll einfach sein, dass beide Schreiber es fertigbringen mit ihren Worten eine atmosphärische Tiefenskizze zu kreeieren, die dem Leser unentwegt die Herausforderung aufbürdet zu fragen, wo er sich eigentlich befindet. So, wie sich bei Kafka Deckenhöhe und Wandabstand unvermittelt ändern, Zimmer ineinander verschachtelt werden und die räumliche Situation permanent in einer Spannung zwischen bedrückender Enge und unnachvollziehbarer Größe steht, so spielt Tolstoi mit der geografischen Orientierung in Weite und Ferne des russischen Hinterlandes.

„Метель“, der „Schneesturm“ oder das „Schneegestöber“ ist der erste russische Text, den ich in Originalsprache gelesen habe (im Internet frei zugänglich). Die Übersetzung ging trotz meiner weniger als rudimentären Russischkenntnisse erstaunlich schnell. Tolstoi bedient sich tatsächlich eines unkomplizierten, dafür raffiniert kombinierenden Sprachstils. Hierin liegt zweifelsohne seine herausragenste Stärke.

Zum Inhalt: Ein namentlich ungenannter Reisender beschreibt nachträglich seine Irrfahrt durch die nächtliche und verschneite Steppe, irgendwo im kosakischen Russland. Der Erzähler teilt sich den Schlitten mit einem Mitfahrer namens Алешка, Aljoschka. Die Insassen haben das Ziel, die nächste Poststation zu erreichen. Kutschiert von einem ehemaligen Bauern aus Tula, der als unsympathisch beschrieben wird, werden die Reisenden auf ihrem Weg in die Steppe mit dem liegenden Schnee, dem peitschenden Wind und der nächtlichen Dunkelheit konfrontiert. Um sich nicht haltlos zu verirren, fassen sie den Entschluss zurückzukehren, werden auf ihrem Rückweg zum Startpunkt jedoch von mehreren Kuriertroikas überholt und beschließen, deren Schlittenspur zu verfolgen. Sie verlieren diese jedoch und kehren abermals um. Sie haben Angst, im Schneegestöber die Orientierung einzubüßen und zu erfrieren. Auf ihrem erneut eingeschlagenen Rückweg kommen ihnen die Dreigespanne, denen sie zuvor folgen wollten, entgegen. Sie schließen sich ihnen an. Nach einer scheinbar ziellosen Kreisfahrt wechselt der Erzähler mit seinem Reisegefährten in einen Troikaschlitten. Als Müdigkeit, Kälte und schwindender Lebensmut an ihm zehren, erreichen die Postschlitten im Morgengrauen eine Taverne, wo die Kutscher sich mit Wodka stärken. Kurz darauf erreichen der Erzähler und Алешка ihr Ziel. Die Erzählung findet ihr Ende mit den Kutscherworten: „Доставили-таки, барин!“, „Wir haben sie doch hingebracht, Herr!“. Diese abschließenden Worte zerstreuen die vormaligen Zweifel an einem glückenden Ausgang der Reise.

Orientierunglosigkeit von zweifelnder Verwirrung bishin zur Todesangst bilden das Fundament für die Gemütshaltung der Charaktere, die ablaufsgetreu auf den Leser übertragen wird. Der Ort, an welchem der namenlose Reisende sich befindet, wird nicht konkret angegeben, sondern als Teil eines unüberschaubar großen Gebietes genannt, irgendwo im Land der Woijska Donskogo (der Donkosaken, zu diesem Zeitpunkt auch noch eine feindliche Ethnie) um Nowotscherkassk. Diese schwammige Verortung, diese endlose Weite, von der Niemand weiß, wo genau sie sich befindet, wird von Tolstoi bekritzelt, ganz so, wie es ein dreijähriger mit einem leeren Blatt Papier tut, allerdings geometrich. Ich meine es, wie ich es sage, wenn ich behaupte, dass er waagerechte und senkrechte „Striche“ in seine Steppe zeichnet.  Was dabei entsteht, ist ein ständiges Wechselspiel zwischen absoluter Ahnungslosigkeit und aufflimmernden Lichtpunkten, die den Charakteren (und dem Leser) die Hoffnung verleihen, dass sich doch noch alles zum Guten wende. Angefangen beim Schnee, der herabrieselt und dabei den Raum optisch verkleinert, über die Wegpfosten, die mal klar zu sehen sind, dann wieder im Schnee verschwinden und die nicht einschätzbaren Gesichter seiner Weggefährten, bishin zu den Klangsignalen und  Schlittenspuren der Troikas, den Zugwaggons mitten im Nirgendwo und zum Wind, der Schnee und Worte fortträgt. Tolstoi nimmt ein großes, weißes Plakat, zeichnet Punkte und Striche, und führt seinen Reisenden auf diesem Weg zum Ziel. Was dabei für den Leser rausspringt, ist ein hoher Grad an Spannung und das ungute Gefühl darüber, dass irgendetwas nicht geheuer zu sein scheint.

Die Erzählung ist ungemein kurz und schnell gelesen. Sie verfliegt – und hierhin ist sie Kafkas Erzählungen ähnlich – wie ein Traum, von dem man nicht weiß, ob man ihn nun tatsächlich geträumt hat. Sie hinterlässt Spuren eines Gefühls, das beklemmend ist, doch auch befreiend. So macht sie ihr eigenes Ende eigentlich unwichtig. Sie setzt auf den Weg als Ziel, und das tut sie mit einschlägiger Wirkung.

*Notabene: Für alle Leser, die sich intensiver mit den Strategien auseinandersetzen wollen, die Tolstoi anwendet, empfiehlt sich eine Einarbeitung in das Themenfeld von „Metonymie und Metapher„. *

 

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