Metonymie und Metapher als sprachliche Strukturen – Jakobsons: „Zwei Seiten der Sprache und zwei Typen aphatischer Störungen“

Nicht nur zum Verständnis der russischen Realisten kann Roman Jakobsons Aufsatz beitragen. Was sich hochgradig medizinisch anhört, ist längst Standardlektüre für Sprach- und Literaturbegeisterte.

Als Leseeinstieg ist es sinnvoll zu klären, was eigentlich mit Metonymie und Metapher gemeint ist. Beide Begriffe entstammen der griechischen Redekunst (wir erinnern uns an den Deutschunterricht in der Schule) und werden als Stilmittel (Tropen genannt) gebraucht, um das Gesagte oder Geschriebene zu verschönern. Sie sind sozusagen der bunte Anstrich auf der kahlweißen Raufasertapete oder die wild bepunktete Ikeagardine vor dem Schlafzimmerfenster. Die „μεταφορά“, Metapher (Übertragung) ist das Ersetzen eines bestimmten Wortes durch einen gänzlich anderen Ausdruck: Wenn ich sage, dass ich mir das Vogelnest auf meinem Kopf entfernen lassen möchte, heißt das nicht, dass ich einer Taube in einem euphorischen Anflug von Tierliebe gestattet habe, sich über meinem Scheitel einzunisten. „Das Vorgelnest“ gebrauche ich als anschauliches Bild für die Situation meiner – nicht vorhandenen – Frisur.  Die „μετωνυμία“, Metonymie (Umbenennung) ist insofern eine Metapher, als dass sie dasselbe tut: Sie ersetzt Ausdrücke. Allerdings tut sie das ausschließlich mit Worten, die in der „realen“ Welt eine tatsächliche, also physische Beziehung haben. Wenn ich sage, dass ich mir den Schädel verschönern lassen möchte, dann habe ich nicht vor, Muster in meine Knochensubstanz zu fräsen, sondern auch hier sage ich dem Vogelnest auf meinem Kopf den Kampf an. Allerdings besteht der Unterschied, dass mein Schädel meinen Haaren physisch näher steht, als jedes Vogelnest es jemals tun wird…hoffe ich zumindest. (In diese Sparte fällt, ganz nebenbei erwähnt, auch das Stilmittel des Pars-pro-Toto, des Teils-für-ein-Ganzes-Ausdrucks, z.B. wenn ich sage, dass jemand unter meinem Dach wohnt und eigentlich meine, dass diese Person in meinem Haus lebt.)

Wichtig für Jakobson ist, dass beide Stilmittel eine bestimmte Beziehung (von Worten) erzeugen. Er ist der nachvollziehbaren  Meinung, dass Sprache immer eine Sammlung von kleineren Einheiten ist. Das bedeutet soviel wie: Texte bestehen aus Sätzen, Sätze bestehen aus Worten, Worte bestehen aus Silben, Silben bestehen aus Lauten, usw. In seinem Aufsatz diskutiert er die Nützlichkeit der Sprachwissenschaft in Bezug auf eine krankhafte Wortfindungsstörung. Diese kann sich auf zweierlei Arten äußern: Als Simultaritätsstörung und als Kontiguitätsstörung. Um die unterschiedlichen Krankheitsbilder voneinander zu unterscheiden, nutzt er die Begriffe der Metonymie und der Metapher. Hier wird bereits deutlich, dass es ihm weniger um ihre Rolle als Stilmittel geht, sondern eher um die Art, wie sie funktionieren. Deswegen spricht er ihnen auch die Tätigkeiten der „Auswahl“ und „Kombination“ zu.

Metonymie

Die Metonymie reiht Elemente aneinander.

Die Kombination betrifft die Metonymie: Bei ihr geht es um die Bildung einer sprachlichen Einheit:  Sie verläuft linear zuordnend, d.h. ihre Einzelelemente werden in passender Weise aneinandergereiht. So werden z.B. verschiedene Worte zu einem Satz kombiniert, „Das – ist – ein – Satz“. Dabei entsteht Information und vor allem Kontext. Die Aphasie als sprachliche Störung zeichnet sich dadurch aus, dass die Einheiten, die zur Bildung sprachlicher Gebilde nötig sind, nicht passend zusammengesetzt werden können.  Jakobson nennt sie Kontiguitätsstörung. Menschen mit der Kontiguitätsstörung sind folglich nicht dazu in der Lage, Worte zu einem Satz zusammenzufügen, weil sie die strukturellen Bedingungen nicht zu erfüllen wissen.

Metapher

Die Metapher entscheidet sich aus einem Angebot für ein bestimmtes Element

Die Selektion (Auswahl) hingegen betrifft die Metapher. Dabei geht es darum, aus einem bestimmten Pool möglicher, gleichwertiger Elemente, das richtige oder passende auszuwählen, Der – Apfel – ist – grün/blau/rot/gelb… So erfolgt eine Substitution, d.h. eine Ersetzung, denn sobald ich den Apfel grün sein lasse, kann er nicht mehr rot sein (es sei denn, er wäre zweifarbig). Selektive Prozesse verlangen immer nach einer Entscheidung und schließen dementsprechend andere Möglichkeiten aus. Sofern ein krankhaftes Unvermögen besteht, sich beim Sprechen für bestimmte Elemente zu entscheiden, liegt nach Jakobson eine Similaritätsstörung vor.

Nachdem Jakobson sich ausgiebig über beide Krankheitsbilder ausgelassen hat, nimmt er die Rolle von Metonymie und Metapher in der Literatur unter die Lupe. Er macht die Beobachtung, dass Metonymien gehäuft in der realistischen Literatur vorkommen, während Metaphern besonders für die romantische (Achtung, gemeint ist der epochale Begriff und kein positives Synonym für „schnulzig“) und symbolistische Dichtung wichtig sind. So geht, wie Jakobson schreibt,  „der realistische Autor nach den Regeln der Metonymie von der Handlung zum Hintergrund und von den Personen zu räumlichen und zeitlichen Darstellungen über. Er setzt gerne Teile fürs Ganze“.

Der Sprung, den Jakobson von Sprachstörungen zur Literaturtheorie vornimmt, ist gewagt. Seine These kann durchaus angezweifelt werden. Ich bin beispielsweise der Meinung, dass Metonymie und Metapher im Verständnis Jakobsons immer zusammenspielen, ganz egal in welcher Gattung, Epoche, etc. In den Landschafts- und Wegbeschreibungen, die in Tolstois „Schneesturm“ vorkommen,  wird das besonders deutlich: Die Aneinanderreihung  (eine Linie, ein Weg, eine Spur) wird permanent durchbrochen von Selektionen (z.B. Schneefall, andere Kutschen, dem Wind usw.). Gleichzeitig formieren sich auf diese Weise neue Linien, und so fort. Beide Stilmittel lassen sich nur schwerlich getrennt voneinander betrachten, sofern sie literaturtheoretisch in Erscheinung treten. Für den Fall sprachlicher Störung mag die Sachlage anders ausehen!

Tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

About DasKind

Eines von Vielen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.