Kinderträume für Generationen: „Die kleine Raupe Nimmersatt“

Ich habe die Geschichte der „Raupe Nimmersatt“ erst als Erwachsene kennengelernt. Dafür habe ich mir umso intensivere Gedanken über die Gründe für ihre Beliebtheit gemacht. Als Kind hätte ich wahrscheinlich einfach die Bilder schön gefunden.Was hat dieses Kinderbuch also an sich, das derart faszinierend auf seine kleinen und großen Leser wirkt? Vollständig beantworten lässt sich diese Frage nicht, sofern man der Ansicht ist, dass diesem Werk eine bestimmte, einnehmende Aura anhaftet, die sich nicht in Worte fassen lässt. Unabhängig von einer solchen Annahme habe ich versucht, dieser Geschichte analytisch zu begegnen. Dazu habe ich folgende Kategorien festgelegt:

a) der edukative Gehalt (pädagogische Schiene)

b) der motivierende Gehalt (psychologische Schiene)

c) der regulative Gehalt (soziologische Schiene)

d) der  philosophische Gehalt

e) der künstlerische Gehalt (Ästhetische Schiene)

Allein die Filterung von 5 verschiedenen Ebenen, auf denen die Geschichte verstanden werden kann, zeigt, wie komplex und vielschichtig sie eigentlich ist. Und das, obwohl sie abseits des Titels nur 228 Worte beinhaltet.

Der edukative Gehalt umfasst alles, was für den Leser lehrreich ist. Dazu gehören zunächst offensichtliche Lektionen: Die physische Entwicklung eines Insekteneis zu einem Schmetterling, die Notwendigkeit von Stoffwechselvorgängen für das Wachstum (Nahrungsaufnahme), der Wechsel von Tag und Nacht bzw. Sonne und Mond, die Benennung verschiedener Früchte und Lebensmittel, die Wochentage, das Aufzählen von eins bis fünf, der Zusammenhang von zu großer Essensmenge und Bauchschmerzen. Unterschwellige Lektionen der Geschichte leiten sich in appellierender Form aus diesen offensichtlichen ab: Du musst genügend essen, um groß und stark zu werden, du solltest dich auch gesund ernähren bzw. du darfst nicht zuviel essen, auch aus der unscheinbarsten Raupe kann ein wunderschöner Schmetterling werden, usw.

Der motivierende Gehalt ist das Fahrwasser dieser Appelle. Es steckt eine Botschaft darin, die auf das Selbstbewusstsein des Lesers wirkt: Nimm dich wichtig, dann wirst auch du zu einem schönen Schmetterling. Die Essensaufnahme der Raupe ist auf dieser Ebene gleichsam eine metaphorisch Tat, die in einfacher Form die Sorge um den eignen Körper, die eigenen Bedürfnisse verbildlicht.

Regulativ ist die Geschichte, weil sie eine zentrale Handlung sozialer Prozesse integriert und das, obwohl die Raupe in keine direkte Interaktion eingebunden ist. Indirekt findet eine Kommunikation zwischen den Gestirnen und der Raupe statt: Beide lächeln die Raupe wohlwollend an, d.h. sie bejahen das Verhalten und somit die Entwicklung der Raupe. In der Sonne wie im Mond spiegelt sich nebenbei bemerkt (in bildtypologischer Tradition) eine Ahnung von Omnipräsenz eines Gegenüber, anders formuliert, einer göttlichen Präsenz wieder, was als Reminiszenz an die romantische Erzähltradition angesehen werden kann.

Der philosophische Tenor ist klar eine optimistische und lebensbejahende Aussage.  So tatsachentreu die Erzählung in ihrem Gerüst auch sein mag (biologischer Werdegang einer Raupe), so ist sie durch die Farben der Bilder, die lachenden Gestirne, die kindgerechten Lebensmittel, usw. eindeutig positiv gefärbt. Die Bauchschmerzen der Raupe und die darauffolgende Blätterdiät sind ein Brüchlein in dieser Abfolge: Ich lese sie als Warnung davor, allzu hedonistisch zu Leben. Reflektion und ein bewusster Umgang mit dem Konsum sind wichtig.

Künsterlisch ist die kleine Raupe besonders aufgrund der facettenreichen Farbwahl. Jeder gemalte Gegenstand beinhaltet weit mehr als nur eine Farbe. Das erzeugt ein Gefühl von Lebendigkeit und Frische. Technische Einwandfreiheit und visuelle Ästhetik sind herausragende Instrumente, die auch die obigen Punkte a – d) zu einem hohen Grad beeinflussen.

Die „kleine Raupe Nimmersatt“ ist, wie die Analyse zeigt, kein einfaches Kinderbuch. Allerdings erweckt sie den Eindruck, einfach zu sein. Sie vermittelt eine Vielzahl von Botschaften auf leicht verständliche Weise. Ich bin mir sicher, das gerade diese Raffinesse wesentlich zu ihrer Popularität beiträgt.

 

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One Response to Kinderträume für Generationen: „Die kleine Raupe Nimmersatt“

  1. sdrnr says:

    völlig richtig…für mich ist die geschichte gerade total bedeutsam, ich bin dabei mich aus einer schweren magersucht herauszukämpfen…durch selbstfürsorge mir und meinem körper gegenüber möchte ich ein schmetterling werden, mich entfalten. bevor es zu spät ist.

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