Die Regeln der Interaktion – Garfinkels „Das Alltagswissen über soziale und innerhalb sozialer Strukturen“

„The big bang theory“ hat, wie mir scheint, in den letzten beiden Jahren ein wenig an Popularität eingebüßt, seitdem „Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper“ dank seines Mitbewohners Leonard und seiner „Freundin“ (sind sie jetzt eigentlich „richtig“ zusammen?) Amy sozialisiert worden ist. Zumindest habe ich 2012 wesentlich mehr Leute darüber reden hören, als im vergangenem Jahr. Und ich selbst bin ebenfalls kein steinerner Fan mehr, weil ich Sheldons Wandlung mit Bedauern verfolgt habe. Das ist zugegeben Geschmackssache!

Doch hast du dich einmal gefragt, wieso gerade Sheldon dich so häufig zum lachen gebracht hat, vielleicht sogar häufiger, als all die anderen Charaktere? Die Beantwortung dieser Frage ist bestimmt komplex und mit einem kurzen Satz längst nicht geklärt. Dennoch meine ich in einem Text von Harold Garfinkel (Soziologe) eine Spur gefunden zu haben, die zumindest einen Aspekt dieser außerordentlichen Rolle aufgreift: Nämlich ihre Außerordentlichkeit.

Garfinkel bedient sich einer zwar sehr ausdifferenzierten, dafür trockenen und zähen Sprache. Dabei ist sein Thema, der Mensch in seiner alltäglichen Kommunikation mit anderen, extrem spannend und topaktuell.
Allein der Titel drückt verworren einen simplen Umstand sozialen Lebens aus: Als Teilnehmer an Kommunikation brauche ich ein Wissen, ein alltägliches Wissen (also auf Alltäglichkeiten bezogen und in Alltagssituationen abrufbar), dessen theoretische Inhalte ich anwende, beim Bäcker, im Supermarkt und im Fußballstadion. Dieses Wissen gestaltet sich als meine Grundlage kommunikativer Prozesse. So wäre ich beispielsweise nicht imstande, jemanden zu grüßen, wenn ich die gängigen Grußformeln innerhalb des mitteleuropäischen Kulturraumes nicht kennen würde. Experimente sind willkommen: Geh auf einen deiner eher vom Sehen bekannten Nachbarn zu und sag anstatt: „Hallo“ einfach mal „Huch, wo kommt denn das dritte Nasenloch her?“. Gutes Gelingen, die Tracht Prügel möchte ich mir nicht mit ansehen müssen. Im Übrigen können diese Regelverstöße gegen das Alltagswissen in dem Modus, wie mein plattes Beispiel sie demonstriert, eine Ausdrucksweise humoristischer Einlagen sein: Der Regelverstoß als Witz und begründet durch exorbitante Intelligenz. Nichts anderes zeichnet Sheldon aus!

Das Wissen, die Regeln der Kommunikation, ist in Gemeinsamkeit bekannt. Das ist seine vorrangige Auszeichnung. Es ist szenisch erwartbar, d.h., sein Einsatz ist durchschaubar: Auf ein „Guten Tag“ folgt in der Regel eine Erwiderung des Grußes. Auf eine Beleidigung folgt ebenfalls eine Reaktion aus einem bestimmten Pool aus Möglichkeiten: Beleidigt reagieren, eingeschnappt sein, zurück beleidigen, etc. Weiterhin ist dieses Wissen unbewusst handlungsleitend: In dem Moment, in dem ich eine Erwiderungsreaktion tätige, rufe ich mein Wissen ab, allerdings nicht bewusst. Ich tue das, was in einer solchen kommunikativen Situation eben getan wird, was einer Möglichkeit, einer Kombination aus Möglichkeiten aus dem Pool aus möglichen Reaktionen entspricht. Sicherlich gibt es Momente, in denen wir besonderen Wert auf gelungene Selbstdarstellung legen und unser Verhalten, unsere Reaktionen mehr als gründlich reflektieren. In der Regel jedoch tun wir das nicht und greifen unbewusst auf die uns bekannten Regeln zurück, die wir seit Beginn unserer Sozialisation erlernt haben. Und genau so, wie wir diese Regel anwenden, genau so interpretieren wir das Verhalten anderer anhand dieser uns bekannten Regeln (so erkennen wir z.B. Ironie als Kombination eines ausgesagten Inhaltes, der nicht zu der Art, wie er ausgesagt wird, passt). Weiterhin regelt das Wissen in Situationen mündlicher Kommunikation die Sprecherkompetenz, also wer gerade sprechen darf, wann die Sprecherrolle abgegeben wird, ob eine unhöfliche Unterbrechung vorliegt. Das „ins-Wort-Fallen“ ist klar markiert als Regelbruch, dennoch wiegt es je nach Kontext schwer oder fällt kaum ins Gewicht (oder widersprichst du mir in der Annahme, dass es einen gehörigen Unterschied macht, ob ich meine Mitarbeiterin, meine Kollegin unterbreche, oder meinen Lehrer, den Bürgermeister, den Bundespräsidenten?) Der Situationsrahmen spielt eine wesentliche Rolle und modifiziert die Regeln noch einmal. Übrigens wieder eine Sache, die Sheldon gänzlich passiert: Da er von sich die Einschätzung als höchstes Tier überhaupt hat, fällt jegliche Situationsbedingtheit bei ihm weg…es sei denn natürlich, wir sprechen von Stephen Hawking!

Garfinkel handelt die Rolle des Forschenden innerhalb des Wirrwars aus kommunikativer Handlung ab. Das tut er in einer für mich wenig verständlichen Sprache. Dennoch scheint es mir, dass er im Wesentlichen auf folgende Punkte hinaus will:
1. Zunächst einmal ist auch der Forscher abseits seiner Rolle als Forscher eine handelnde Person. Es gilt also, bevor eine Untersuchung gestartet wird, auf die Trennung zu achten zwischen unreflektierter Regelbefolgung als „naiv“ interaktive Person und reflektierter Haltung in der Forscherrolle (diesen Punkt macht Garfinkel nicht explizit, dennoch schimmert er in seiner Wortwahl deutlich durch).
2. Der Forschende sollte von einer bestimmten Vagheit in den Reaktionen anderer ausgehen: D.h., wenn ich Garfinkel richtig verstehe, dass der Forschende sein Wissen um das Regelrepertoire, dass er der reagierenden Person (auch sich selbst als reagierenden Person) unterstellt, beiseite schieben muss oder zumindest sehr weit erfassen muss und eine Vielzahl möglicher Handlungen als zulässig betrachten muss (die Vagheit ist an sich immer schon vorhanden. So werde ich auf die gut gemeinte und neudeutsch formulierte Frage „Was geht?“ nicht antworten „Fußgänger, Reptilien, Säugetiere, etc.“, sondern eher so etwas wie „Jo, läuft“. Wir unterstellen zu einem hohen Grad, was gemeint ist mit einer bestimmten Aussage, ohne, dass der Inhalt dieser Aussage genau das aussagt. Ähnlich ist es mit den Grußformeln „Moin, moin“, was in Hamburg oder anderen Bereichen Norddeutschlands eben nicht nur morgens gesagt wird, und „Mahlzeit“, was auch außerhalb der Nahrungsaufnahme genutzt wird.)
3. Diese Vagheit der Handlungen bzw. Ausdrücke gilt es zu durchbrechen, indem ein regelvernachlässigender Handlungsbeginn bzw. regelvernachlässigende Antwort eingeleitet wird. So könnte der Forschende alle Fragen, die ihm gestellt werden in einem alltäglichen Gespräch, rein semantisch, also ihrer Bedeutung nach, auslegen, und dementsprechend reagieren.
4. Garfinkel „outet“ sich in seinem Text sehr deutlich als experimenteller und vor allem praktischer, praxisorientierter Soziologe. So schreibt er, dass sich das Untersuchungsziel im Laufe der Untersuchung herauskristallisiert und nicht vorher schon festgelegt werden sollte.
5. Zum Ende des zweiten Kapitels gibt Garfinkel einen Leitfaden über Bedingungen vor, die zwecks Untersuchung in jedem Fall erfüllt sein müssen. Dieser liest sich nicht ohne einen gewissen Grad an Komik, da es sich hierbei um Selbstverständlichkeiten handelt: So ist der Vollzug einer Handlung notwendig, um Forschungsergebnisse zu erzielen. Genauso muss die Untersuchung der Überprüfung durch Dritte standhalten.

Es kommt Garfinkel auf eine selbstständige praktische Forschung an, im Zuge derer der Forschende an einer Interaktion teilnimmt, die er eben gleichzeitig untersucht. Hier wird keine Anleitung zu rein analytischem Arbeiten gegeben, sondern ein Leitfaden, um dem Alltagswissen in kommunikativen Situationen auf den Grund zu kommen. Am deutlichsten tritt dieses eben nach Regelbrüchen des Forschenden/Interagierenden zutage. Und da wären wir, im Kern von Garfinkels Konzept: der Ethnomethodologie.

Gegen Ende seines Aufsatzes handelt Garfinkel noch einmal „einige Eigenschaften, die der Bestand an Alltagswissen besitzt“ ab. Dazu zählt die oben bereits angedeutete Vagheit von Ausdrücken und ihre gesellschaftliche Billigung, oder Gelegenheitsausdrücke, die je nach Individuum und Kontext verschieden sein können (Insiderausdrücke). Er bringt „komische“ Beispiele (ein aufheiternder Lichtblick in seiner sonst eher trockenen Sprache)kommunikativer Situationen, in denen eine Partei sich eben nicht auf die gebilligte Vagheit einlässt, den Anspruch auf Sinnübereinstimmung durch ihren Gegenüber ablehnt. In etwa sehen die Beispiele wie folgt aus:
a) fragt nach dem Befinden („Wie fühlst du dich?“)
b) beantwortet diese Frage nicht, sondern stellt eine Gegenfrage danach, wie diese Eingangsfrage gemeint sein soll („Was meinst du damit? Meinst du körperlich, oder emotional?“).
Hier präsentiert Garfinkel exemplarisch, wie eine Forschung ethnomethodologisch ablaufen könnte, wie Regelbrüche hinsichtlich gebilligter Vagheit von Ausdrücken deren Notwendigkeit manifest macht: Die Vagheit ist eine essentielle Regel, die ein flüssiges Gespräch möglich macht. Ihr Wegfallen oder absichtliches Übergehen verursacht einen kommunikativen Stau, Verwirrung.

Garfinkels Text ist grundlegend, er führt hin zu einem Thema, das im Allgemeinen wenig hinterfragt wird. Lediglich die Art seines Schreibens (oder gar der Übersetzung?) ist kein guter Motivator für das Lesen. Gut ist dementgegen, dass der Aufsatz relativ kurz ist. Ich habe ihn zugegebenermaßen mittlerweile drei Mal gelesen, und könnte keinesfalls behaupten, ihn verstanden zu haben. Dennoch erkenne ich seine Signifikanz. Er lädt dazu ein, selbst mal derartige Experimente zu wagen, auch wenn das Ergebnis eigentlich selbstverständlich, eigentlich kaum der Rede wert zu sein scheint. Außerdem macht so eine genial-triviale Serie wie „the big bang theory“ mit ihrem exzellenten Musterbeispiel für Garfinkels Theorien, Dr. Dr. Cooper, alles etwas erklärlicher und lässt mich im Endeffekt auch über Garfinkels Text schmunzeln, obwohl er alles andere als komisch ist.


Studies in Ethnomethodology

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Eines von Vielen.

2 Responses to Die Regeln der Interaktion – Garfinkels „Das Alltagswissen über soziale und innerhalb sozialer Strukturen“

  1. tuana says:

    sehr schöner, klar verständlicher artikel! danke!

  2. DasKind says:

    Bitte sehr. Ich freue mich sehr über meinen ersten Kommentar *Freudentaumel*.

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