Das Verschwinden eines Reisenden – Ransmayrs „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“

Eis

Nichts als Eis und Schnee

Ich bin kein Freund des Winters; wenn es bei uns anfängt zu schneien oder zu frieren, verzweifle ich jedes Mal an meinem Unwillen der Kälte gegenüber. Trotzdem fasziniert mich der Gedanke an unsere Pole, wahrscheinlich, weil sie mir beispiellos extrem erscheinen. Stell dir vor, du stehst inmitten einer weißen, grell schimmernden Landschaft und um dich herum gibt es nichts weiter, als Schnee, Eis und das weite Firmament.  Ist dieses Bild nicht überwältigend? Außerdem hängt den arktischen und antarktischen Landschaften ja immernoch ein Hauch von Jungfräulichkeit (Achtung, ein sprachliches Paradoxon) an, weil sie eben weder von der Lufthansa noch irgendwelchen kleinen Billigfliegern angeflogen werden und die Aida tatsächlich keine Langstreckentrips in diese Richtung anbietet. Dennoch sind sie weitestgehend touristisch erschlossen (allerdings nur in bestimmten Monaten zugänglich) und können ihren Besuchern, für viel Geld versteht sich, ein Abenteurer- und Entdeckerfeeling verleihen. Früher fotografierte man sich im Safaristyle gekleidet, mit Jagdgewehr bewaffnet und ein Bein auf den Kopf eines Löwenteppichs gestemmt, heute macht man Silvesterurlaub in der Antarktis und teilt seine Pinguinaufnahmen später auf Facebook: Dieselbe Prozedur, nur der Aufwand ist größer geworden. Pioniermäßig halt.

Ransmayrs Roman, wobei mir diese Bezeichnung für seinen Text nur schwer über die Tastatur geht, wurde 1984 erstveröffentlicht. Er erzählt oder besser, er zitiert die Entdeckung des Kaiser-Franz-Josef-Landes durch die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition. Dazu bedient er sich originaler Manuskripte der Besatzung und füllt die so gewonnenen Ausschnitte mit eigenem Erzähltext auf. Zwischendurch und nebenbei wird die fiktive Geschichte eines Reisenden erzählt, Josef Mazzini, der der Expedition in heutiger Zeit nachzueifern versucht.

Der Prolog endet mit der Behauptung, dass die Menschen, „physiognomisch gesehen, Fußgänger und Läufer“ seien. Das ist ein Schlüsselsatz für die kommenden Geschehnisse rund um die Tegetthoff (so heißt das Entdeckerschiff der Nordpolexpedition) und Mazzini, weil er Menschlichkeit, Versagen, Einzelheit und Anstrengung innerhalb einer großen Illusion von Freiheit und Abenteuer in sich birgt. Dieser Illusion zur Seite gestellt wird die Entdeckungslust des Josef Mazzini mit seinen der Moderne zu verdankenden, individuellen Möglichkeiten – nämlich derjenigen an einer Expedition in das Nordpolarmeer teilzunehmen trotz mangelnder Ausbildung und ausschließlich aufrgund von träumerischer Motivation.  Die Unmöglichkeiten und Angst um Leib und Leben der Tegetthoff´schen Besatzung – sowohl in technischer als auch in mentaler Hinsicht – kontrastieren Mazzinis Träumerein. Der Suche nach Abenteuer in gefährlicher Wildnis steht der unbedingte Überlebenswille gegenüber. Prägnanter ließe sich auch formulieren: Mazzini möchte unbedingt hin, und die Seeleute auf der Tegetthoff wollen unbedingt weg. Die in den Tage- und Logbüchern festgehaltenen Erlebnisse zu Lande und zu Wasser drücken eine lähmende Ohnmacht aus und erschüttern den Leser, besonders mit dem Hintergrund, keine Fiktion zu sein. Die Diskrepanz zwischen der fiktiven Figur des Mazzini und der realen Tegetthoff-Besatzung findet ihre Vollendung im Ausgang der Parallel gelagerten Erzählstränge: Obwohl die Welt ihm klein erscheint dank technischer Fortbewegungsmöglichkeiten und dem nötigen Kleingeld, geht Mazzini während seiner Reise verloren. Die Besatzung der Tegetthoff hingegen findet ihren Weg heimwärts, wenn auch mit menschlichen und tierischen Verlusten.

Unter dem dritten Kapitel werden die „Fußgänger und Läufer“, d.h. die Seeleute der Tegetthoff, anhand von Portraits  vorgestellt. Die Handlung wird nicht getragen von einer anonymen Menschenmenge, einer beliebig zusammengesetzten Schiffsmannschaft, die aus einer unübersichtlichen Anzahl von Steuerleuten, Servicepersonal, Deckarbeitern und Köchen besteht. Ihre Träger werden individuell visualisiert und benannt. Genau so, wie auch jede einzelne Schiffsmeile ihnen, den Läufern auf hoher See, ab Erreichen des Nordpolarmeeres zu Gemüte schlägt.

Auch Mazzini wird explizit als Geher, als Fußgänger charakterisiert. Bei ihm ist es der nicht-vertechnisierte Modus der Fortbewegung, der die Größe der Welt in seinen Augen verändert. Während die historische Fahrt der Tegetthoff an entlegene und unbekannte Küsten führte, reist Mazzini an einen unbesiedelten, aber bekannten Ort. Seine detaillierte Betrachtung dieses Ortes auf dem Fußweg erweitert die räumliche Wahrnehmung letztlich dergestalt, dass Mazzini eben verschwindet. So gesehen wird Mazzini das Opfer seines eigenen Blickwinkels auf die Welt.

Der Roman fasziniert mit seinen tatsächlichen Berichten über die Erstbegehung eines weißen Flecks auf der Weltkarte. Doch ebenso macht er nachdenklich und rückt den naiven Umgang mit Fernreisen in „wilde“ Gefilde, den unsere Tourismusindustrie möglich macht, in einen kritischen Fokus. Die sprachlich komplex gestaltete Verbindung zwischen Mazzini und den Entdeckern des Kaiser-Franz-Josef-Landes trägt letztlich die Botschaft, wie groß doch die Welt, und wie klein der Mensch in ihr ist: Ein vergessenes Faktum unserer Tage. Sie gebietet Ehrfurcht, und das erfoglreich, wie mir scheint. Vor diesem Hintergrund erscheint es vielleicht ironisch, doch auch die Tegetthoff-Mitglieder sind nach ihrer Rückreise in die „besiedelte“ Welt quasi „verschwunden“. Ihre Entdeckung wurde nicht ernst genommen und geriet schnell in Vergessenheit. Ransmayr hat ihnen ein kleines Denkmal gesetzt, allemal lesenswert und lehrreich, wenn auch betroffen machend.

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