“Alles ist tot” – Dostojewskis “Die Sanfte”

glass-56717_1280Eigentlich war ich bisher kaum firm mit den Werken russischer Schriftsteller, bis ein impressionistisch wirkendes Einbandbild des Anaconda-Verlages mich angesprochen hat, metaphorisch gesprochen. Auf ihm war in pastellfarbenen Rosatönen die Rückansicht einer eleganten, sitzenden Frau abgebildet, die schön zu sein schien, jung, unschuldig, in jedem Fall ideel.

Ohne große Erwartungen begann ich also die Erzählung zu lesen, die im Vorwort des Schreibers eine “fantastische” genannt wird, begann mich in die Erinnerungen eines einundvierzigjährigen Leihpfänders an seine Bekanntschaft und Ehe mit einer jungen Sechzenjährigen zu versetzen, in seine problematische, mit Missverständnissen und missverständlichen Vorraussetzungen gespickte Beziehung zu einer Frau, die sich das Leben nimmt, indem sie mit einer Heiligenikone in der Hand aus dem Fenster springt.

Er beschreibt sie als nachdenkliche, zurückhaltende Frau, als Waise aus ärmlichen Verhältnissen, als “sanft” und gebildet, als verträumt, hoffend auf eine bessere Zukunft. Er ist ihr zugetan, fällt den Entschluss, sie zu ehelichen, sie stimmt zu, jedoch zögerlich. Er gibt ihr eine Ordnung vor, versucht, ihr sein Denken aufzuzwingen, seine Art, die Dinge zu betrachten, nämlich allumfassend. Sie fühlt sich bedrängt, zeigt sich enttäuscht von seiner abweisenden, lieblosen, unleidenschaftlichen und geordneten Haltung, wird schweigsamer und beginnt, ihn zu verachten. An ihm geht diese Etwicklung nicht vorbei, jedoch interpretiert er ihr ungewöhnliches Verhalten fehl, was er nach ihrem Tod mit Bedauern häufig betont.
Die angespannte Situation zwischen den Eheleuten eskaliert in einer bedrohlichen Szene, in welcher sie ihm seinen Revolver vor das Gesicht hält. Er schläft, öffnet die Augen, und drückt sie erschrocken wieder zu. Hier zeigt sich eine Parallele zu seiner Verweigerung als Offizier, einen anderen Soldaten aufgrund von Beleidigung eines Vorgesetzten zum Duell zu fordern. Eine Parallele, die ihn in ihren Augen zum Feigling macht und sie vollends von ihm entfernt.
Gänzlich bemerkt er ihre Verachtung, als sie trotz seiner Anwesenheit beginnt zu singen. Ihre Stimme bohrt sich in seinen Kopf, zusammen mit der Gewissheit über ihren Hass auf ihn. Er beginnt zu Rasen, wird hysterisch, dringt sich ihr körperlich auf, nicht sexuell, dennoch wild, küsst ihre Füße und betet sie an. Sie versucht ihn zu beruhigen, wird ebenfalls rasend, weint sich in den Schlaf und verspricht ihm aufrichtige Treue und Dankbarkeit. Am nächsten Tag wählt sie den Freitod, während er kurz außer Haus ist.

Die intime Begegnung zweier verschiedener Prinzipien, jung und alt, ideel und gesetzt, zuversichtlich und desillusioniert, das Eine wiedergegeben in unmittelbarer Filterung des Anderen, gerichtet an einen unsichtbaren, imaginären Adressaten, gibt der Erzählung ihre Spannung und Tragik. Sie entwirft ein trauriges Menschenbild, zeigt die Grenzen einer zwischenmenschlichen Beziehung deutlich auf, weist auf das Unbekannte im Anderen, auf die Unergründlichkeiten des Gegenüber; zwei Bewusstseine verschmelzen nicht, sie bleiben, was sie sind, nämlich zwei Bewusstseine. Niemals wird ein lebender Mensch diese Grenze überschreiten, in der Ehe genausowenig, wie sonst irgendwo. Die Kenntnis eines Anderen kann sich zerschlagen in absolutes Nicht-Wissen, in die erschütternde Erkenntnis einer Fehlinterpretation seiner Handlung, seines Denkens, seiner Selbst. Darauf will die Erzählung hinaus. Das ist ihre unabänderliche, ihre einschlägige Wahrheit.
Sie erinnert mich an ein Bild, in welchem Sonnenstrahlen, frei und ungebunden, auf eine Glasscheibe treffen, von ihr gebrochen werden, durch sie geordnet erscheinen, und sich ihr dennoch entziehen in dem gleißenden Licht der Zwischenräume, das die Scheibe sich nicht einzuleiben vermag!

Still und besonnen mündet die Wahrheit der Erzählung in vier zusammenfassenden, melancholischen Sätzen kurz vor Ende. Sie drängen sich dem Leser auf, lange, bevor sie in Verkündung stehen, denn sie stechen allein durch die Geschehnisse der Erzählung deutlich und klar hervor:

“Alles ist tot. Überall liegen Tote. Der Mensch ist einsam und von Schweigen umgeben. – Das ist die Erde.”

About DasKind

Eines von Vielen.
Tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.