Gott ist ein mangelhafter Signifikant – Lacans großer Andere

Lacans psychoanalytische Ausführungen sind selbst belesenen Kennern de Saussures und Freuds schwer zugänglich: Es scheint auf den ersten Blick, als erfände er sein Fachgebiet neu mit Begriffen des Strukturalismus und einer Reihe selbst erdachter Matheme. Es dauert seine Zeit, doch die Freud´sche Basis ist unverkennbar. Und es braucht nicht erst einen Herrn Slavoj Zizek, um festzustellen: Lacan hat Freud in seiner analytischen und theoretischen Komplexität um Längen überholt. Dennoch steht er – auch heute noch – im Schatten seines Lehrers. Weizenbötchen sind leichter verdaulich als Mohnstriezel mit Fettglasur und Sultaninen.

Lacan macht es sich natürlich nicht zur Aufgabe, die Vorstellung oder Vorstellbarkeit eines Gottes zu erörtern. Ihn interessiert, was es ist, das die menschliche Psyche konstituiert. Er möchte eine psychoanalytische Methode entwickeln, die ihm die Wahrheit über ihre Beschaffenheit verrät. Teil dieser Methode ist die Einteilung der menschlichen Lebenswelt in drei Dimensionen, Lacan spricht von Registern, nämlich in das Symbolische, das Reale und das Imaginäre. Auf diese Weise erstellt er ein Klassifikationssystem zur Erfassung unterschiedlicher Phänomene, die – knapp zusammengefasst –  die menschliche Psyche betreffen. Die Register grenzen sich voneinander ab und sind lediglich im Subjekt – sagen wir, in einem „psychischen Ich“ – gleichwertig versammelt.

Das symbolische Register ist Gegenstand unseres Interesses, weil es den großen Anderen beherbergt. Es funktioniert autonom und ist menschlicher Einflussnahme nicht zugänglich, vorstellbar als unaufhaltbarer, automatisierter Prozess. Es betrifft die zwischenmenschliche Kommunikation, die soziale Interaktion, und ist darum bestenfalls als linguistisches Prinzip greifbar: Das Symbolische Register ist Sprache, nicht jedoch reduziert auf das gesprochene Wort, sondern vielmehr in Zusammenfassung ihrer strukturellen Vorgaben, die sie uns als Ordnungssystem auferlegt. Es besteht vornehmlich aus Signifikanten. Obacht an alle, deren Erinnerung sie in ihre letzten Schuljahre auf dem Gymnasium versetzt: Ein Signifikant als Ausdruckseite eines Zeichens wie bei Ferdinand de Saussure ist weit überboten. Lacan bezeichnet Worte oder Dinge (nach de Saussure also vollständige Zeichen) als Signifikanten. Er meint damit stets Elemente, die an ein Ordnungssystem gebunden sind und in diesem different, sich gegeneinander abgrenzend, auftreten. Das „psychische Ich“ ist eine Wirkung dieser Signifikanten: Denn ist dir ein bestimmter Signifikant unbekannt, möchtest du z.B. Kenntnisse einer fremden Sprache erwerben, um ein Buch in Originalausgabe lesen zu können, so wirst du danach streben, diesen dir zunächst fremden Signifikanten zu dechiffrieren. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass du dich diesem Signifikanten und seiner Regelhaftigkeit unterwirfst, was du tun musst, um dich ihm und seiner Sinnhaftigkeit zu nähern. Ähnlich ist es beim Kennenlernen neuer Menschen. Deswegen bezeichnet Lacan das, was ich hier so lapidar das „psychische Ich“ nenne, auch als Sub-jekt, als das Unterworfene.

Signifikanten verweisen stetig auf andere Signifikanten, ohne Punkt und Komma. Am einfachsten nachzuvollziehen ist dies bei der Vorstellung der sprachlichen Tätigkeit: Sprechen hört niemals auf. Zwar hörst du irgendwann mal auf zu reden mit deinem Nachbarn, doch wenige Minuten später geht es weiter mit dem Typen in der Bahn, der Frau an der Kasse, manchmal mit dir selbst, wenn auch nur gedanklich. Kein Gespräch, kein Wort, keine Silbe ist wie die andere. Wie ein Fingerabdruck hat jedes ausgesprochene Wort im Gegensatz zum anderen seine tonalen Eigenarten, gleichzeitig verweist es auf all die Worte, die da kommen, oder die da waren. Kein Wort steht für sich allein. Ohne Einbettung in eine Signifikantenkette, – in diesem Fall in ein Grammatisches Regelwerk und eine sprachspezifische Verbtabelle – würde niemand es verstehen.

Dem Signifikanten untergeordnet ist das Signifikat, die Bedeutung, die der Signifikant, das Zeichen in seiner körperlichen Erscheinung erst hervorbringt. Im Zusammenspiel zwischen Signifikant und Signifikat, doch auch in der Verweissituation von Signifikant zu Signifikant zu Signifikant…und so weiter passiert etwas, das dem analytischen Blick Lacans eigentümlich ist: Die Puzzlestücke passen nicht zusammen, sie hinterlassen eine sichtbare Fuge, eine Leerstelle, in der sich nichts befindet: Hier ist der Mangel. (An dieser Stelle konstituiert sich später das Begehren.)

Der große Andere, das Objekt groß A, ist die konkrete Ausformung des symbolischen Gegenübers, am besten vorstellbar als Gesprächspartner. Der große Andere bist nicht du, doch er macht dich – von Außen – zu dem, was du bist. Du kommunizierst unentwegt mit ihm, selbst dann, wenn es dir nicht bewusst bist, weil er dich in eine festgelegte Struktur bettet, dir eine Ordnung auferlegt, dich unterwirft. Der große Andere ist der Signifikant des symbolischen Registers. (Freud-Kenner werden wissen, welches Prinzip hier angesprochen ist.)

Es spricht nichts dagegen, weshalb der große Andere nicht sinnbildlich als die Vorstellung eines Gottes aufgefasst werden könnte, in rein psychoanalytischer Perspektive versteht sich. Er ist dir äußerlich, ist Teil eines Ordnungssystems, einer Hierarchie, auf das die Vorstellung seiner Existenz unentwegt hindeutet (eine sakrale oder religiöse Signifikantenkette). Ebenso ließe sich von einer übergeordneter Macht reden, von Schicksal, Zufall, usw. Es braucht keine Sakralität, um den großen Anderen zu finden, doch die Zugabe von Sakralität unterstreicht die Übermacht und Tragweite, die der große Andere annehmen kann in seiner Rolle als reglementierendes und ordnendes Moment. Gleichzeitig ist er mangelhaft, weil sein Signifikat ein unzureichend greifbares, permanent verweisendes ist. Es ist ein Gott, der nicht hält, was er verspricht, eine hervorbrechende, einvernehmende und währenddessen schwindende und abstoßende Spannung. Der Mangel zermürbt dich, während du Hoffnung schöpfst. Diese psychoanalytische Sicht auf die Rolle eines Gottes zeigt ihn als ebenso notwendig wie unnötig, unterstützend wie ablehnend.

Mit seiner theoretischen Grundlage erfasst Lacan das Wesen von Religion und dem Gottesglauben als prägnantes Moment des Ich-Seins. Allerdings macht er es zu einer austauschbaren Größe: Der große Andere eröffnet eine sich permanent erneuernde Symbolstruktur, dessen Inhalt beliebig ist. So lässt sich sagen, das Lacan – wie Nietzsche – Gott für tot erklärt. Allerdings übertrifft er den Philosophen, indem er gleichzeitig Gottes Wichtigkeit hervorhebt.

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