Formfehler

Mann (panisch): So helft uns, einen Arzt! Holt einen Mediziner!

Person2 (monoton ruhig, unterbrechend): Bestatter.

Mann (gleichsam panisch): Notfallzeug und eine Bahre!

Person2: Holzkiste.

Mann: So unternehmt doch etwas!

Endlich, Frau Hüterin von Ordnung und Gesetz!

Polizistin (teilnahmslos): Ich darf Sie um Ruhe bitten meine Herren. Schildern Sie mir das Geschehnis bitte zusammenhängend und detailiert. Was, wo, wie viele Personen und so weiter. (auffordernd) Bitte!

Mann: Gott sei mein Zeuge!

Person2: An den glaubst du nicht!

Mann: Mein treuer Kumpan sei mein Zeuge!

Polizistin (unterbrechend):Ich dachte, sie wären ein Liebespaar.

Person2: Kommt immer auf die Umstände an.

Mann: Auf stählernen Wogen wandelten wir durch die Städtischen Untergründe. Ein junges Mädchen stand uns zur Seite, neigte ihr kindliches Haupt träumend, gar schuldlos dreinblickend den Flügeltoren des Wagens entgegen. Die Tür riss auf, ohne Stillstand und Warnung, die steinernen Tunnelwände ergriffen das liebliche Gesicht. Unfähig zum Widerstand entstellten sie Gestalt, Form und Farbe, entfesselten sein Innerstes. Es wankte durch den Wagen, warf sich vor unsere Füße… (Zäsur, langsamer werdend, tragend) Bebend, in Rot-Moll eingehüllt, verschauderte es unser Gemüt. Erst als mein treuer Gefährte Bier und Hammelfleisch spuckte, bestechend mit ihrem ätzenden Gestank, erst da fanden wir unsere Besinnung, riefen die steuernde Instanz in ihrer Vorderkammer zum Anhalten und kamen in Flügelsandalen hierher geeilt.

Polizistin (teilnahmslos): Was hat ihr Freund getrunken?

Person2 (monoton): Bier. Hat er doch grade gesagt.

Polizistin: Einnahmen anderweitiger Betäubungsmittel?

Person2 (abweisend): Er mag Baudelaire.

Polizistin: Händler oder Neuartigkeit auf dem Markt?

Person2: Seine Gedichte.

Polizistin (erstaunt): Ein dichtender Händler!

Person2 (abwertend): Er reicht allerdings nicht annähernd an Baudelaire heran!

Polizistin (verfällt wieder in Teilnahmslosigkeit): Er handelt auch!?

Mann: So ergreift mir Leidenschaft und Hinwendung, verscharrt sie in Finsternis und Fäulnis. Entleert und erleichtert euch auf ihrem seidengesponnenem Netze. Zerreißt und zerstückelt es in Fetzen aus Eiter und Blut. Gebt  es dem niedrigsten aller Wesen zum Tranke! Solange ihr nur dem Kinde helfen mögt!

Putzfrau (ausländisch, schüchtern): Sie sprechen schön.

Polizistin (herrisch): Und du putz weiter! (zu den Herren, teilnahmslos) Meine Herren, ich bin nicht daran interessiert Opfer Ihres Jungenstreiches zu werden. Ich übergebe mich (Zäsur) anderen Aufgaben und überlasse Sie unserem unerfahrenen Praktikanten, dessen euphorische Art mich auf geradem Weg in die Nervenklinik führt. Einen schönen Abend noch! (schreiend, herrisch): Herr Praktikant! Arbeit für dich!

Praktikant (halbsingend): Zur Stelle und wie immer auf das Schlimmste vorbereitet!

Polizistin: Diese Herren behaupten, dass es  einen Unfall mit Personenschaden in der Stadtbahn gegeben habe.

Mann: Ein höllisches Szenario, der Teufeln selbst hat es initiiert!

Person2: An den glaubst du nicht!

Praktikant (interessiert, froh über eine Beschäftigung, redet schnell, schnappatmend): Was ist denn passiert? Sie müssen es mir genau erzählen, mein erster Fall in diesem Quartal!

Mann (schneller als beim letzten Mal). Auf stählernen Wogen wandelten wir durch die Städtischen Untergründe. Ein junges Mädchen stand uns zur Seite, neigte ihr kindliches Haupt träumend, gar schuldlos dreinblickend den Flügeltoren des Wagens entgegen. Die Tür riss auf, ohne Stillstand und Warnung, die steinernen Tunnelwände ergriffen das liebliche Gesicht. Unfähig zum Widerstand entstellten sie Gestalt, Form und Farbe, entfesselten sein Innerstes. Es wankte durch den Wagen, warf sich vor unsere Füße… (Zäsur, langsamer werdend, tragend) Bebend, in Rot-Moll eingehüllt, verschauderte es unser Gemüt. Erst als mein treuer Gefährte Bier und Hammelfleisch spuckte, bestechend mit ihrem ätzenden Gestank, erst da fanden wir unsere Besinnung, riefen die steuernde Instanz in ihrer Vorderkammer zum Anhalten und kamen in Flügelsandalen hierher geeilt.

Putzfrau: Eine schöne Sprache!

Praktikant (schnappatmend): Ich wiederhole! In der Bahn, da war eine Frau, und die ist jetzt tot! Richtig?

Person2: In etwa entspricht das den Ausführungen meines Kollegen.

Mann: Könnte ich sie erfassen, die Herrin von Zeit, mit kühler Hand und Feuer im Herzen, ich drosselte sie und peitschte sie und schlitzte sie. Mit Ameiseneiern füllte ich ihre Gedärme. Mit fetten, niemals satten Maden ihren Schoss. Vernähte ihr die Lippen, sodass alles Getier paradiesisch gedeihe und sie verginge von innen zerfressen. Wenn sie nicht ihr Zepter schwänge und mir die unschätzbaren Minuten schenkte, die mir den gläsernen Engel zurückholten.

Praktikant (nachdenklich): Ich glaube, sowas steht in Deutschland unter Strafe.

Putzfrau: Sehr schön!

Praktikant (aufgeregt, schnappatmend): Hmmm …Hmmm … Wieso …hmmm… Wieso haben Sie denn die Polizei nicht aus der U-Bahn angerufen?

Person2: Kein Empfang.

Praktikant: Hmmm… und das Gerät im Führerhäusschen?

Person2: Defekt.

Praktikant: Hmmm …Und der U-Bahnfahrer?

Person2: Starr vor Schreck!

Praktikant:Hmmm… (unterbrochen von Telefonklingeln). Verzeihung bitte! (Pause) Hallo Mama, bitte ruf nicht mehr unter der Dienstnummer an! (Pause) Ich bin gerade an einem Fall! Mit einer Leiche! (Pause) Gefällt mir schon, ich denke, ich werde Polizist! (Pause) Ich komme in einer Stunde nach Hause, was gibt es denn zu essen? (Pause) Oh gut, ich habe Hunger (Pause) Bis gleich! (Auflegen des Hörers, entschuldigend). Das war meine Mutter!

Mann (traurig, leise): Besinne dich auf dasjenige mütterliche Herz, das irrend nach seinem Kinde schreit, schwerelos, leer über die Straße weht, winterlichen Blattskeletten gleich, nichts mehr spürt, vergeht in immerwährender Trauer. In verweintem Gedenken. In gedankenumschlingender Schwärze. In schwärzestem Sein. (Stille)

Putzfrau (andächtig mit tränenden Augen): Wunderschön.

Praktikant (unsicher beim Versuch, herrisch zu wirken): Ich denke, du solltest putzen?! (hilfloses Herumdrucksen) Ehrlichgesagt… hmmm… ich weiß gar nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Ich bin nur Praktikant, wissen Sie… hmmm… Mögen Sie mir Ihre Aussage notieren, selbstverständlich, wenn es Ihnen nichts … wenn Sie nichts dagegen haben. Ich…hmmm… suche nur eben einen Zettel und einen Stift…

(Papierknistern)

(plötzlich in erleichtertem, jodelndem Ton) Ein Glück, der Herr Hauptkommissar!

Hauptkommissar (streng, ernst, beinahe militärisch): Harter Arbeit und eiserner Disziplin zum Dank. Du bist noch weit davon entfernt! Scherr dich weg!

(an die Herren, mit derselben Strenge) Unser junger Freund ist unerfahren in polizeilicher Arbeit. Verzeiht es ihm, in zwei Wochen endet seine Tätigkeit bei uns.

Person2: Ich widerspreche, er passt vorzüglich in diese Institution!

Hauptkommissar: Was kann ich euch Burschen Gutes tun? Ich höre!

Mann (nur noch herunterratternd): Auf stählernen Wogen wandelten wir durch die Städtischen Untergründe. Ein junges Mädchen stand uns zur Seite, neigte ihr kindliches Haupt träumend, gar schuldlos dreinblickend den Flügeltoren des Wagens entgegen. Die Tür riss auf, ohne Stillstand und Warnung, die steinernen Tunnelwände ergriffen das liebliche Gesicht. Unfähig zum Widerstand entstellten sie Gestalt, Form und Farbe, entfesselten sein Innerstes. Es wankte durch den Wagen, warf sich vor unsere Füße… (Zäsur, langsamer werdend, tragend) Bebend, in Rot-Moll eingehüllt, verschauderte es unser Gemüt. Erst als mein treuer Gefährte Bier und Hammelfleisch spuckte, bestechend mit ihrem ätzenden Gestank, erst da fanden wir unsere Besinnung, riefen die steuernde Instanz in ihrer Vorderkammer zum Anhalten und kamen in Flügelsandalen hierher geeilt.

(außer Atem)

Hauptkommissar (wütend): Auf diese Weise erreicht ihr hier nichts!

Person2: Die Putzfrau findet es schön!

Putzfrau (bestätigend): Wunderschön!

Hauptkommissar (wütend): Spar dir deinen Kommentar! Du wirst fürs Putzen bezahlt!

(an die Herren, außer sich) Und nun zu euch beiden: Eine derartige Verschwendung biologischen Materials! Ihr seid unbrauchbarer Müll, auf einem Schrottplatz seid ihr der unterste Haufen, die braunen Ränder einer Toilettenmuschel, Aschenbecherinhalt! Jeder Schmeißfliegenfurz ist notwendiger und nützlicher, als das, was eure Stimmbänder in ihrer Lausigkeit produzieren. Derartigen verschnörkelten Schnickschnack braucht die Menschheit nicht. Was sie braucht, sind klare Worte, Prägnanz und Einfachheit! Alles andere ist Kitsch und gehört vernichtet!

Mann: So nehmt Euren Revolver, haltet ihn an meine Schläfe. Durchbohrt mir Hirn und Verstand, macht dem Wahnsinn ein Ende, der mich heimzusuchen droht. Ich sehe ihn. Er eilt auf mich zu. Er streckt seine bleiche Hand nach mir. Bald hat er mich in seinen Klauen, um mich nimmermehr loszulassen! Ich ertrage es nicht! Ich ertrage es nicht länger!

Hauptkommissar: Verschwindet! Eure Anwesenheit macht mich krankl! Lieber fräße ich Rattenerbrochenes als mir euren zehntklassigen Fingernageldreck weiter anzuhören!

Person2: Lass uns gehen!

Mann (tottraurig): Und so haben wir nichts erreicht? Die Gemüter blieben kalt, das tragische Schicksal des Mädchens konnte sie nicht erregen… Als ich ein Kind war von nicht mehr als sieben Jahren, erzählte meine Mutter mir einst, der Schlaf sei des Todes Bruder. Damals liebte ich es, durch Traumwelten zu wandeln. So eiferte ich dem Tode entgegen. Ich verbot mir das Essen. Ich trank aus Fingerhüten. Und schlief auf nacktem Boden. Ich wurde krank, fieberte, konnte weder stehen noch sprechen. Doch der Tod verweigerte mir seinen Besuch. Erst, als ich mich wie von Sinnen vor ein Auto warf, da traf ich ihn. Er erzählte mir Geschichten aus alten Zeiten, er kleidete mich, gab mir zu essen und zu trinken, war mir wie ein Vater. Bis ich von ihm Abschied nehmen musste. Meine Mutter weckte mich, wie sie es zuvor jeden Morgen getan hatte. Doch dieses eine Mal hatte sie Tränen in den Augen. Wie sehr wünsche ich mir jenen Traum zurück, wie sehr lebte ich lieber in der Welt des Schlafes, als dieser Welt und ihren unüberwindbaren Abgründen weiterhin ausgeliefert zu sein!

Person2: Ich habe dir gesagt, dass sie uns nicht glauben werden! Jetzt lass uns nach Hause gehen, ich bin müde!

Putzfrau (leise, schniefend): So schön!

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2 Responses to Formfehler

  1. Wurst says:

    Cooler Text

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