Erlkönig reloaded

Grausige Schauer birgt die Nacht ohnehin, doch gepaart mit rauer Wirklichkeit und kindlichem Erfindungssinn ist der Schrecken dem empfindlichen Gemüt förmlich eingelegt. Herzrasen hat es unentwegt, zu allem Überfluss und trotz aller Ängste Überdruss liegt es schwach darnieder in seinem Fieber wach.

Erst hüllt die Mutter ihre Sorge in Schweigen. Sie will ihm ihre Angst nicht zeigen, neigt sich hinunter und streichelt ihm das Gesicht. Ihm schmeichelt der mütterliche Kummer nicht. So eigentlich ist er gefangen im eigenen Ich aller Kindeskraft fehlend und abwesend von allen herumliegenden Belangen. Kein Wässerchen trübt sein ohnehin schwarzes Elend, während ein Wässerchen der Mutter über die Wange rennt. Sie zertrennt nervös Fingernägel und Fingernagelbetten, teddy-242838_640entbrennt in Wallung ihr krankes Kind zu retten und greift zum Telefon den ärztlichen Notdienst wählend. Verheerend beginnt sie zu schluchzen und spricht kehlend und heiser mit der kassenärztlichen Bereitschaft. Sie bittet um eine notärztliche Geleitkraft in die regionale Ambulanz, dass dieser metaphorische Dornenkranz ihr endlich vom Kopfe genommen werde. Am anderen Ende der Leitung stößt sie auf Ignoranz: Eine krächzende Stimme sachlicher Gebärde heuchelt Empathie, doch muss ihr empfehlen trotz Kälte und Nacht mit eigener Macht in ein Spital einzukehren. Mediziner seien nur im Notfall inklusive, so gebot sie der Mutter, und ein Notfall verliefe stets am Grenzwall von Leben und Tod.

Mit loser Fassung fasst die Mutter fast erschlagen von den kläglichen Klängen aus der Brust ihres klaglosen Jungen den rühmlichen Entschluss ihn in den Wagen zu tragen und ohne Verzug, halb frustriert, doch durch Not gedrungen, um ihn vor schwererem Schmerz zu bewahren, in die nächstgelegene Klinik zu fahren. Ihr Sohn zerrt derweil am Gurt und wimmert. Sie ertastet mit der Hand wie sein Fieber sich verschlimmert. Seine gurrend zitternde Stimme spricht Bände: Verstört fragt er kleinlaut, wo er sich befände und was für ein Mann das sei, der in den Wagen hineinschaut mit Augen, die aus den Höhlen treten, die Haare ergraut. Das hagere Gesicht von Furchen durchzogen. Die spitze, lange Nase gebogen. Mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen hebt er die Hand, um die Scheibe anzutippen.

Die Mutter beobachtet ängstlich des Sohnes Verfassung. Sie wendet sich gegen die verkehrsordentliche Erlassung, tritt ungebremst aufs Gas, ignoriert rote Ampeln und schlendernde Passanten, die blindlinks auf die Straße trampeln. Erschrocken springen sie auf den Bordstein. Die Rasende ignoriert, wie sie im Akkord schreien. Selbst, als die Straßenkanten ihre Felgen schleifen, fährt sie weiter wie mit brennenden Reifen.

Ihr Sohn indes kauert kümmerlich im Schoss des namenlosen Alten. „Sieht du, Mama, er kümmert sich“, lallt das Kind verhalten. „Er hält mich in den Armen und streichelt mir das Haar“.Die Mutter ahnt Gefahr und betet um Erbarmen. „Es ist die Rücksitzlehne, die dich hält, mein Kind“. Ihre Stimmgewalt entrinnt, denn im Rückspiegel vernimmt sie eine Szene, in der ihr Sohn die einzige Hauptrolle spielt. In Rinnsälen ächzt der Schweiß ihr aus den Poren, immer dann, wenn sie zu ihrem Jungen schielt. Dort kauert er ganz verloren und schreit schlagartig auf. Der mütterliche Herzschlag steigt herauf. „Jetzt ist der Mann ganz grob zu mir“, krächzt das Kind sein Leid. Die Mutter fleht in Benommenheit: „Halte durch, es ist doch niemand hier.“ –  „Er ist da“, flüstert das Kind verstört. „Siehst du nicht, wie er mich schindet?“. Der Mutter reißt das Herz, sie schwört sich zu beeilen, damit der Kerl verschwindet, dieser unsichtbare Mann.

Endlich beim Arzt rennt sie stammelnd vor Panik geschüttelt zu den Kittelträgern in weiß. Das Kind in ihren Armen rüttelt an ihr noch immer erregt durch die Angst vor dem Greis. Sie reißt ihm alle schweißnassen und überwarmen Kleider vom Leib, versagt nicht zu hetzen. Aller Kleider enteignet liegt er röchelnd auf zwei Plätzen im Wartezimmer und ist – wie ein Kuckucksküken, das ein fremdes Nest besetzt – seiner ätzend brenzligen Lage ausgesetzt.

Die Mutter bebt und verlangt die Chefarztriege zu sprechen. Ihre angstvollen Worte brechen aus ihr heraus, Tränen tun es ihren Worten gleich, doch sie versagen der Ärzte Herzen zu erweichen. Auch den Schwestern gefällt ihre impertinente Komponente mitnichten. Sie rufen sie zur Ruhe, schießen mit Mahnungen auf sie ein, ähnlich wie Schrottkugeln eine Sonntagsente vernichten, vermeinen sie ganz von ihren Vorgaben eingenommen, ob sie denn meine, die einzige zu sein, die mit einem kränkelnden Kind in die Notaufnahme gekommen sei.

Wie eiskalte Pranken langen die vorwurfsvollen Sätze nach ihrer Kehle. Sie brüstet sich auf. Mit Hysterie verfehle sie ihr Anliegen um Längen, gängeln die Schwestern sie und drängen auf Unterlassung der unsäglichen Querele. Das Kind derweil atmet leichter. Immernoch nackt, mittlerweile mit einer ausgebleichten Decke bedeckt , versteckt es sein Gesicht in ihren alten Falten. Die Mutter  weicht unterdessen der maßlosen Anfeindung, doch sie schafft es nicht, an sich zu halten und erbricht sich in hyperventilierender Kakophonie. Das Kind, weiter in ängstlicher Verwirrung, klammert sich kleiderlos an ihre strauchelnden Knie. Es weint vor Beirrung, Schmerz und Manie, zieht die spuckende Mutter zu Boden. Ihre Tränen benetzen sein Haupt. Der Marode Teppich zu seinen Füßen raubt ihren Beinen den Halt und sie Prallt voll Wucht mit ihrer linken Hüfte an die Stuhlkante, sie versucht sich zu fassen, doch sie vertut sich und greift in die Lüfte, schlägt mit dem Kopf auf und liegt regungslos in einer Lache aus Blut. Das Kind brüllt auf, die Hände voll des mütterlichen Blutes Rot, in seinen Armen, die Mutter war tot.

Diese Mutter war jede Frau, die Besagtes verlebte. Diese Mutter war ich. Der Alte Mann war meine Angst, die sich um das Geschick meines Kindes legte. Mich tötete der Vorfall nicht, dennoch tötete er mein Vertrauen. Aus meiner Erinnerung schrieb ich die Geschehnisse auf und schickte sie vertraulich an das Ministerium für Gesundheit. Dort bedankte man sich in Höflichkeit für das nette Gedicht, doch entschuldigte sich gleichzeitig für die Zeit, die man nicht habe für poetische Fiktion. Ich ersparte mir die Antwort, dass gerade Poesie, wie jede Form der Kunst, immer die Wahrheit spricht. Und dass jeder, der sie für belanglos hält, IRRT. 

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