Disney trifft Shakespeare: „Die Unbekannte“ von R. C. Muschler

Die Unbekannte

Titelbild der Novelle mit realer Totenmaske

Niemandem war es je vergönnt zu ergründen, warum das junge, schöne Mädchen sich in der Seine ertränkt hat. Als ihre Leiche aus dem Wasser geholt wurde, trug sie den Hauch eines seligen Lächelns auf ihren Lippen. Der Spekulationsspielraum machte ihre Ikone berühmt, ebenso, wie ihre schicksalhafte Nähe zu Shakespeares Ophelia, die dem Wahnsinn verfällt und ins Wasser geht.

Soviel zu den Tatsachen.

Was folgt, ist ihrer Verklärung.

Reinhold Condrad Muschler verfasste eine Novelle, in der er das kurze Leben und Leiden der „Unbekannten aus der Seine“ fiktiv nachzeichnet. Der Einband seines literarischen Ergusses enthält eine photographische Aufnahme der (tatsächlich abgenommenen) Totenmaske. Bereits dieser offensichtlich gemacht Bezug – ja, der Text handelt wirklich von der „Unbekannten aus der Seine“, Ausrufezeichen – wirkt aufdringlich. Er scheint eine Wahrheit für wahrhaft ausgeben zu wollen, über die es keine Sicherheit geben wird, und zwar niemals. Die Umstände bleiben ein Geheimnis der „Unbekannten“. 

Muschler romantisiert ihren Freitod als Konsequenz einer platonisch reinen, starken Liebe zu einem englischen, bereits verlobten Adeligen, die keine Aussicht auf Erfüllung hat. Nach dem Tod ihrer Tante steht es der jungen Waisen, Madeleine Lavin, frei nach Paris, in die Stadt ihrer Träume zu ziehen, um dort ein Modegeschäft zu eröffnen. In Marseille, einer Zwischenstation auf dem Weg nach Paris, lernt sie bei der Vereitlung eines Handtaschenraubes Thomas Vernon Bentick, den Verlobten der Beraubten kennen, der gleichzeitig Mitglied des englischen Adels ist. Zum Dank lädt er das scheue Mädchen zum Abendessen in ein Restaurant ein. Er macht ihr den Vorschlag, gemeinsam in seinem Auto nach Paris zu fahren. Auf ihrem Weg in die Hauptstadt führt er sie an sehenswerten Ortschaften vorbei. In einer Kirche in Arles küssen die beiden sich zum ersten Mal. In Paris wohnen sie in Sir Thomas Vernon Benticks Anwesen und verbringen die Nachmittage und Abende gemeinsam. Der Engländer erweist sich als fürsorglicher Freund, der stets um die Zukunft der alleinstehenden, jungen Frau bekümmert ist. Nach seiner Abreise nach Ägypten, wo seine Verlobte ihn erwartet, betrinkt Madeleine sich vor Trauer mit einer von zweien zurückgelassenen Flaschen Wein, geht hinaus in die Stadt, schlendert an den Restaurants und Plätzen vorbei, wo sie mit Thomas gesessen hatte, und endet schließlich in der Seine. „Ihr Antlitz lächelte verklärt als man sie fand.“, verlautbaren die letzten Worte der Novelle.

Muschlers „Unbekannte“, Madeleine Lavin, ist ein einfach gezeichneter, hölzerner Charakter, dessen Tugendhaftigkeit und Naivität hervorstechen. Die Einfachheit ihres Wesens ist der Novelle als stereotypisch platte Liebesgeschichte ohne Aussicht auf ein glückliches Ende geschuldet.  Ihre kreative Ader führt sie nach dem Tod ihres Vormundes aus ihren bescheidenen Verhältnissen in eine unbekannte Zukunft. Demütig schwärmt Madeleine von den großstädtischen Frauen. Ihr haftet eine Weltfremdheit an, die gefärbt ist von ihrem sehnlichen Wunsch nach einem Durchbruch.

Bei ihrer ersten Begegnung mit Thomas und dessen Verlobten, Janet Jones, verliert sie sich voller Hochachtung in den beiden Personen. Sie ist überhaupt schnell zu beeindrucken und erweist sich im Laufe der Handlung als eine kindliche, leicht beeinflussbare Figur. Dementsprechend voraussagbar sind ihre Gefühle zu dem verlobten, unnahbaren Engländer. Einer undenkbaren gemeinsamen Zukunft zum Trotz bleiben die Liebenden Freunde. Madeleine idealisiert Thomas, was durch seine Herkunft aus einer Adelsfamilie verstärkt wird. Er ist der Grund für das Lächeln auf ihrem toten Antlitz.

Etwas gezwungen sucht Muschler eine Begründung für den Freitod der jungen Frau. Noch gezwungener jedoch erscheint seine Suche nach einer Erklärung für ihr zauberhaft wirkendes Lächeln. Das Ergebnis ist ein sehr pathetischer Text ohne Hintertür und zweiten Boden. Aus heutiger Sicht liest er sich wie eine Aneinanderreihung stereotyper Schnulzenmotive. Zu Muschlers Verteidigung muss jedoch auf das Veröffentlichungsjahr hingewiesen werden. 1934 hatte Walt Disney bei Weitem noch nicht den Einfluss auf unser visuelles Film- und Figurenverständnis, wie er ihn posthum erlangt hat. Dennoch hätte Madleine problemlos eine seiner Hauptfiguren werden können als reines, armes, emotional leidendes Mädchen von ganz unten, das nur leider nicht das Disney-typische Ende ihrer Liebe erlebt, sondern ertrinkt.

Die Erzählung ist lesenswert, weil sie aus heutigem Motivverständnis als Parodie auf sich selbst gelesen werden kann. Aus diesem Grund liegt ihr eine unfreiwillige Komik inne, die vergessen lässt, dass Muschlers Fantasien und Erdichtungen tatsächlich auf einem tragischen Schicksal beruhen. So bleiben „die Unbekannte“ und „die Unbekannte aus der Seine“ zwei verschiedene paar Schuhe, deren Gemeinsamkeit mit dem Einbandbild der Novelle bereits erschöpft ist.



Tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.