Die Kunst Recht zu behalten – Mit Arthur Schopenhauer 38 Mal gegen die Kritiker von Menschlichkeit

Zu Beginn steht ein Eingeständnis: Das Folgende fügt sich dem Niveau seines Exempels: platt, reißerisch und provokant, doch seinem Gegner immer einen Schritt voraus. Der Punkrocker des deutschen Idealismus stellt, nach einer niederschmetternden Kritik Ciceros, 38 Wege vor, mit denen ein Streitgespräch gewonnen werden kann. „Die Kunst Recht zu behalten“ führt ihren Leser durch das Spielfeld gekonnter Rhetorik.

Nun stell dir vor, du stündest im Supermarkt: Es geschieht, was in diesen Tagen ständig geschieht: Ein vollständig deiner Fantasie überlassener Typ steht vor einem vollständig deiner Fantasie überlassenen Zeitungsregal und regt sich offensichtlich über die von ihm attestierte „Unfähigkeit der deutschen Politik in der Flüchtlingskrise“ auf. Zugegeben, um der Aktualität keinen Abbruch zu tun, lass ihn den Bildschirm seines Smartphones betrachten und auf einer vollständig deiner Fantasie überlassenen Website surfen. Jedenfalls sitzt, stehst, lehnst du neben ihm, als er – offensichtlich an dich gerichtet – diesen Satz in die Welt hinauslässt:

„Deutschland kann keine Flüchtlinge mehr aufnehmen. Unsere Kapazitäten sind ausgeschöpft. Außerdem müssen wir unsere eigenen Leute fördern, keine Fremden! Raus mit ihnen! Wieso nehmen wir uns kein Beispiel an der polnischen Regierung? Abschieben und fertig!“

Du reagierst, wie für einen Bildungsbürger typisch, und aktivierst zunächst dein abgespeichertes Wissen aus einem Text, den du vor Ewigkeiten von Arthur Schopenhauer gelesen hast, selbstverständlich freiwillig, weil Bildungsbürger solche Texte freiwillig lesen. Du richtest dich auf, Augen geradeaus auf den Gegner, und hier beginnt dein rhetorisches Gemetzel, ohne Mitleid, ohne mit der Wimper zu zucken, wählst du eine der Kunstgriffe in Kombination oder Variation, ganz abhängig von dem Grad der Demütigung, die du deinem Gegner zufügen möchtest:

 

Nummer 1: Das Festnageln:

„Was genau meinst du mit Flüchtlingen? Kriegsflüchtlinge? Wirtschaftsflüchtlinge?“

 

Nummer 2: Das Festnageln mit Worten ähnlicher Bedeutung:

„Was denkst du über die Aufnahme von Migranten? Oder sogar Spätaussiedlern? Wo fängt da das Fliehen an, wo hört es auf?“

 

Nummer 3: Das Verabsolutieren:

„Also denkst du, wir dürften überhaupt niemanden mehr in unser schönes Land lassen und sollten uns darauf konzentrieren, jeden, einzelnen Deutschen zu fördern. Ganz egal, ob er möchte oder nicht?!“

 

Nummer 4: Zustimmung erzwingen:

„Sind diese Menschen in einer außerordentlichen Notsituation? Ja. Brauchen sie Hilfe? Unbedingt.“

 

Nummer 5: Argumentieren auf menschlicher Ebene:

„Jetzt gerade bist du auch ein Flüchtling. Die fliehst vor deiner menschlichen und moralischen Verantwortung.“

 

Nummer 6: Dem eigenen Standpunkt einen Namen geben:

„Schon mal was von Menschenrechten gehört?“

 

Nummer 7: Widerspruch erwirken:

„Und was sollen wir machen? Sollen wir sie ihrem Schicksal überlassen? Sollen wir tatenlos zuschauen, obwohl wir wissen, dass diese Menschen in akuter Bedrohung von Leben und wirtschaftlicher Existenz stehen? Sollen wir sie sterben lassen?“

 

Nummer 8: Wütend machen:

„Deine Meinung zeugt von Oberflächlichkeit und politischem Halbwissen. Hast du dir überhaupt mal Gedanken gemacht über das, was du von dir gibst?“

 

Nummer 9: Verwirrung stiften:

„Wer genau bestimmt eigentlich, was ein Flüchtling ist? Was gibt die EU dazu vor? Und was haben Ungarn und Polen für offizielle Statements abgegeben? Was sagen die Italiener zu der politischen Behauptung der Tschechen?“

 

Nummer 10: Zustimmung erzwingen bei grundsätzlicher Abwehrhaltung (ähnlich wie Nummer 4):

„Du denkst, wir sollen die Flüchtlinge ihrem Schicksal überlassen? Aber du siehst schon noch ein, dass sie Hilfe brauchen?!“

 

Nummer 11: Partielle Zustimmung erwirken:

„Denkst du denn, dass wir einer schwangeren, Hilfe suchenden Frau helfen müssen? Oder einem allein gelassenen Kind? Dann jawohl auch verzweifelten Flüchtlingsfamilien!“

 

Nummer 12: Das Gleichnis oder der Vergleich:

„Den DDR-Flüchtlingen haben wir auch geholfen!“

 

Nummer 13: Die Wahl:

„Sollen wir sie leben oder sterben lassen?“

 

Nummer 14: Das Triumphieren:

„Ich hab Recht und du nicht, basta.“

 

Nummer 15: Den Gegner ad absurdum führen.

„Es ist sinnlos, ihnen nicht zu helfen. Sie sind doch da. Also können wir auch direkt etwas für sie tun. Wenn wir ihre Anträge ohnehin bearbeiten, warum können wir das nicht mit einem positiven Ausgang für sie bewerkstelligen? Es ist insgesamt nicht wesentlich günstiger, sie abzuschieben. Die Kosten bis zum Bearbeitungsende ihrer Anträge müssen wir so oder so übernehmen. Und wenn wir sie am Ende doch abschieben, dann können sie keinen Wirtschaftsfaktor mehr stellen, der uns zukünftig stärken könnte.“

 

Nummer 16: Der Widerspruch zu früheren Aussagen des Gegners:

Und was hast du als Vierjähriger so darüber gedacht?

 

Nummer 17: Penible Unterscheidungen:

„Flüchtling ist ja nicht gleich Flüchtling. Es gibt mehr als 50 verschiedene Status des Aufenthaltsrechtes. Und in jedem konkreten Fall müssen Grund für die Flucht und Situation im Heimatland geprüft werden.“

 

Nummer 18: Die mutatio controversae bzw. Ablenkung:

„Dir kullert ein Popel die Oberlippe hinunter.“

 

Nummer 19: Die Verallgemeinerung:

„Schon mal was von Solidarität gehört? Oder Nächstenliebe?“

 

Nummer 20: Voreilige Schlüsse:

„Wenn wir nicht helfen können, weil Deutschland voll ist, dürfen wir auch keine Kinder mehr bekommen, weil Deutschland voll ist!“

 

Nummer 21: Scheinbare Argumente gegen scheinbare Argumente:

„Deutsche Kapazitäten sollen aufgebraucht sein? Ich hab gehört, der Osten leidet derzeit unter einer Abwanderungswelle. Da sind Wohnungen frei!“

 

Nummer 22: Das Aufdecken eines petitio principii bzw. der Zirkelbeweis:

„Wenn unsere Kapazitäten tatsächlich aufgebraucht wären, könnten wir selbst unsere eigenen Leute nicht mehr fördern.“

 

Nummer 23: Das Reizen zur Übertreibung:

„Sollen wir sie elendig krepieren lassen? Die Kinder, die Menschen?“

 

Nummer 24: (Falsche oder übertriebene) Konsequenzen ziehen:

„Wenn wir die Schotten dicht machen, schaffen wir eine globale Zwei-Klassen-Gesellschaft, bis der Hass der Benachteiligten sich zerstörerisch und unwiederbringlich auf alle Menschen dieser Welt auswirkt. Tod und Verderben!“

 

Nummer 25: Ein konkretes Fallbeispiel:

„Wenn sich in Klein Villigen-Schwenningen ein Plätzchen für Flüchtlinge findet, dann schafft es ganz Deutschland!“

 

Nummer 26: Das Retorsio argumenti oder „das Wort im Mund umdrehen“

„Wir nagen quasi am Hungertuch, so ausgelastet sind wir. Hier herrschen Zustände wie zurzeit der französischen Revolution in Paris. Nur schlimmer!“

 

Nummer 27: Provokationen nachdrücken bzw. das „Immer-Eins-draufsetzen“:

„Wir müssen dringend gefördert werden. Unser Land besteht einzig aus Dummbatzen, knapp vorbei an der Idiotie. Ich frage mich, wie die Menschen hier es schaffen, selbstständig zu atmen! Deswegen geht es uns wirtschaftlich auch so schlecht.“

 

Nummer 28: Das Lächerlich-Machen:

„Offensichtlich musst du auch gefördert werden.“

 

Nummer 29: Die Diversion bzw. Umleitung:

„Hätte Wyclef Jean jemals eine so fantastische Band wie die Refugees gründen können, wenn ihm als Flüchtling nicht geholfen worden wäre von Menschen, die es sich leisten konnten, genau wie wir?“

 

Nummer 30: Das argumentum ad verecundiam oder der Beweis durch Ehrfurcht:

„Die EU richtet sich nicht umsonst ganz nach unseren humanistischen und moralisch gewachsenen Standards!“

 

Nummer 31: Die ironische Demut:

„Ich bin viel zu dumm und viel zu unwissend, um solchen schlagkräftigen, logisch durchdachten und mit Tatsachen untermauerten Argumenten wie den deinen etwas entgegen zu setzen. Gerne würde ich mit dir darüber reden, aber das, was du sagst, ist einfach viel zu fundiert, viel zu hoch für mich. Ich verneige mich voller Ehrfurcht vor dir und deiner weisen, unumstößlich einleuchtenden Meinung!“

 

Nummer 32: Das Unterjubeln einer unliebsamen Kategorie:

„Du bist ein Nazi!“

 

Nummer 33: Praktisch argumentieren:

„Dass praktisch jeder zweite, in Deutschland gestellte Asylantrag angenommen wird, bedeutet per se, dass unsere Nation die Verpflichtung zur Hilfe stemmen kann!“

 

Nummer 34: Ausnutzen des partiellen, gegnerischen Verstummens:

„Deutschland kann keine Flüchtlinge mehr aufnehmen.“

– „Das ist Quatsch.“

„Unsere Kapazitäten sind…“

– „Das ist Quatsch.“

„…aufgebraucht. Außerdem müssen wir…“

– „Bullshit!“

„… unsere eigenen Leute fördern…“

– „Blablabla.“

„…keine Fremden!“

– „Blubbb!“

 

Nummer 35: Interessengebundenheit ausnutzen:

„Der wirtschaftliche Nutzen dieser Krise ist jetzt schon deutlich erkennbar. Durch die Einreisewelle werden massig Arbeitsplätze geschaffen. Außerdem kannst du nicht widersprechen, dass die vielerorts zur Schau getragene Solidarität mit den Menschen ein völlig neues, frisches und vorurteilsbefreites Bild auf uns Deutsche wirft.“

 

Nummer 36: Der erschlagende Wortschwall:

„Eine Cousine von mir dritten Grades hat mir letztens beim Kaffeetrinken erzählt,- sie wohnt in der Nähe eines tollen Bäckers, allerdings muss ich mit dem Auto hinfahren, weil weder Bus noch Bahn dort Halt machen, – jedenfalls arbeitet sie für das BaMF. Kennst du das BaMF? Das BaMF steht für Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und es beschäftigt sich mit – oh Wunder – Migration und Flüchtlingen. Seinen Hauptsitz hat es in Nürnberg und in Würzburg. Frag mich bitte nicht, wieso der zweigeteilt ist. Wobei, das kann meine Cousine mir bei unserer nächsten Verabredung bestimmt auch beantworten…etc.“

 

Nummer 37: Festnageln an gegnerischem Beispiel:

„Sollen wir uns tatsächlich ein Beispiel an Polen nehmen? Es ist ja nun nicht gerade so, dass Polen allgemein betrachtet eine starke Auslandspolitik betreibt, die nachhaltige Wurzeln schlägt.“

 

Nummer 38: Das Persönlichwerden und mein Favorit:

„Hast du als Kind zu häufig aus dem Treteimer gegessen oder woher kommt der Müll in deinem Kopf?“

 

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