Der kleine Prinz trifft auf Mircea Eliade und enthüllt das Geheimnis der Rose

Ich habe es gewagt, den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry mit geschlagenen 30 Jahren zu lesen. Das bekannte wie beliebte, jedoch wenig gelebte „man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ rief in mir einen kurzen Moment aufwallender Freude hervor, als ich das Zitat nicht nur identifizierte, sondern in den Kontext der Erzählung einbetten konnte. Tatsächlich erfüllt mich eine derartig gelungene Interpretationsarbeit mit Stolz, seitdem ich angefangen habe, meinen Lebensunterhalt mit anderen Dingen zu bestreiten, als der Beschäftigung mit Texten.

Das Erfolgsgefühl blieb überraschend kurz, es wich einer drängenden Frage, die sich zu einem ausgesprochen penetranten Gedankenkomplex in meinem Kopf formen sollte:

Das Buch handelt doch von Liebe. Der kleine Prinz liebt seine Rose. Wieso also verlässt er sie?

Diese scheinbaren Paradoxa bohren sich wie kleine Gänge in die Innenseite meines Schädels, wahrscheinlich, um mir das Leben schwer zu machen. Der erste Lösungsansatz führt mich zur Spezifizierung des Liebesbegriffs, Formen der devoten Liebe sind mir bekannt: Der kleine Prinz hegt und pflegt seine kleine, fremdartige Blume, er schmeichelt ihr und schützt sie vor den hervorbrechenden Affenbrotbäumen. Er ist der gebende, leidende, sich aufopfernde Part der Beziehung, dessen Hingabe getilgt wird von dem Anblick, der bestechenden Schönheit seiner geliebten Rose. Doch verlässt er sie, weil seine Selbstvergessenheit ihn verzehrt?

Steht tatsächlich die Sinnsuche vor dem Hintergrund unerwiderter Liebe im Vordergrund? Ich glaube es nicht.

Es erscheint mir nicht plausibel. War er doch ohnehin schon ein aufopfernder Asteroidenbewohner, bevor die Blume die Szene betrat. Kann die Eitelkeit einer filigranen, zarten Pflanze das Fass der bedingungslosen Pflichterfüllung zum Überlaufen gebracht haben? Nein. Manchmal benötigt es einen Perspektivenwechsel, um Rollen und Beziehungsgewebe einordnen zu können, um verstehen zu können, was genau die Verbindung der beiden „Liebenden“ aufrecht erhält.

Die Rose ist ein Schlüsselobjekt, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie eröffnet dem Asteroidenbewohner eine Ebene seiner Lebenswelt, die ihm zuvor verschlossen geblieben ist:

Die Metaphysische.

Die Rose vollzieht eine Trennung der Welt, die es vor ihrem Erscheinen nicht gegeben hat: Sie setzt die Zäsur zwischen dem Heiligen und dem Profanen. Das tut sie, indem sie selbst heilig wird. Sie trägt alle Attribute einer Ausnahmeerscheinung, ist unberührbar, vollendet und kein Teil der praktischen Lebenswelt. Sie ragt von der Erde, wo ihre Wurzeln schlagen, in den Himmel, wo ihre Blütenkrone erstrahlt. Die Affenbrotbäume, die Vulkane, selbst der Asteroid mit seinem einzigen Bewohner sind profan, alltäglich. Sie werden routiniert bearbeitet, gesäubert, entfernt. Sie rufen Arbeit hervor. Was gibt es profaneres, als die körperliche Anstrengung beim Putzen und Wegräumen? Wir kümmern uns, deswegen sind wir Menschen.

Die Rose aber ist Exzellenz.

Wenn nun die Kette an Geschehnissen, die die Rose in Gang gesetzt hat, als Bereiche des metaphysischen Raumes wahrgenommen werden können, so wundert es nicht, dass der kleine Prinz diesen nie zuvor gekannten Bereich erkunden will. Doch wie wird ihm das konkret ermöglicht? Wieso jetzt? Lässt nicht doch der Abglanz des Überweltlichen in Erscheinung der Blume ihn aus seiner Welt fliehen? Die Vermutung ist naheliegend wie unpassend. Die Lösung ist einfach wie überrachend:

Die Rose kartografiert die Landkarte, den geografischen Raum, den der kleine Prinz bislang kannte, komplett neu, und weist ihm so den Weg ins Unbekannte.

Sie ergängt die Umgebung um das, was dem kleinen Prinzen bis dahin völlig fremd gewesen ist, um das Abenteuer. Wo es vorher nur den Asteroiden gab mit all seinen umfassenden Eigenschaften, so gibt es nun die Differnez, den knallharten Unterschied zwischen einem gelebten Alltag und etwas, das sich hinter den Dingen verbirgt. Eine Substanz scheint hervorzutreten, der er auf den Grund gehen möchte. Mit ihr weicht der immer wiederkehrende Trott dem Aufbruch. Dem Prinzen wird eine Reise ermöglicht, an dessen Endpunkt, nämlich auf der Erde, er von der Rose erzählt, von ihrer Wirkung auf ihn. Er formuliert und kultiviert damit seinen eigenen Mini-Mythos, die Mythologie seines kleinen, unscheinbaren Heimatasteroiden. Er verbreitet die Metaphysik seiner Heimat, indem er von der Rose spricht. Und er vollendet das, was sie angestoßen hat, in dem Moment, in dem er nicht stirbt. Ein Schlangenbiss ohne Leiche, die im Wüstensand liegt, hat auch meine Leserphantasie strapaziert. Doch führe ich mir vor Augen, welche Tragweite die kurze Erzählung in sich birgt, so scheinen alle Fragen geklärt:

Der kleine Prinz handelt nicht allein von Liebe. Der kleine Prinz illustriert Menschheitsgeschichte. Er zeigt die Entstehung des Mythos in Verkörperung einer fragilen Blume, die ein Abenteuer entstehen lässt, weil sie ihm den Raum dafür eröffnet.

Natürlich handelt der kleine Prinz gleichzeitig auch von all den anderen Dingen, für die er bekannt ist. Die Rolle der Rose, wie ich sie verstehe, dient dem Zweck, gerade das eingangs von mir erwähnte, vielbeachtete Zitat zu stärken, ihm einen Unterboden , eine bruchfeste Basis zu verleihen: Erst durch die Rose beginnt der kleine Prinz mit dem Herzen zu sehen. Vor ihr waren es die Augen, mit denen er seine Arbeit, sein bescheidenes Leben sah. Die Rose hat ihn jedoch gekrönt. Und weil es so schön ist, hier noch einmal in voller Länge:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesetliche ist für die Augen unsichtbar.“

 

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