Der Kampf mit der Moral um die Moral – Rinsers „rote Katze“

Moralische Handlungen halten das soziale Gefüge zusammen. Was jedoch geschieht mit der Moral, wenn der Mensch sich seiner Menschlichkeit erst wieder bewusst werden muss? Meine Generation kennt die Nachkriegszeit vorrangig aus dem Geschichtsunterricht, manchmal aus Erzählungen alter Menschen. Vielleicht erklären sie uns die steifen Ansichten oder schrulligen Eigenschaften unserer Urgroßväter, Großtanten und Rentnernachbarn. Doch wer sich traut, tiefer zu buddeln, als bloß in aufgewühlter Erde, der stößt auf ein unheilbares Trauma, auf einen Genickbruch, dessen Einfluss bis in die ferne Zukunft unserer Kinder reichen wird: Die Welt war untergegangen in einem Morast aus vernichtender Willkür. Und in der Not setzt die moralische Haltung bekanntermaßen als erste die Segel.

Was mache ich mit einer Katze, die mich verfolgt, mich bettelnd ansieht, um mir blicksprachlich ein Stückchen meiner Stulle abzuschwatzen? Ich werde weich ob der großen Tieraugen, streiche ihr über das Fell und gebe ihr, was sie verlangt. Vielleicht verscheuche ich sie, weil ich Katzenhaarallergiker bin. Oder ich fahnde nach ihrem Besitzer. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Aber ich töte sie nicht.

Luise Rinser macht eine „rote Katze“ zur Schlüsselfigur ihrer gleichnamigen Erzählung. Das fuchsfarbige Tier will nach der Katastrophe des letzten Jahrhunderts überleben, ebenso wie die gutmütigen Menschen, von denen es seine Nahrung erhält. Eine Familie, drei Heranwachsende samt Mutter, teilen ihre knappe Ration mit ihm.  Einzig das „große“, dreizehnjährige Kind verstrickt sich innerlich in eine Spannung aus Wohlwollen und Verachtung dem Tier gegenüber. Es selbst erzählt die Geschehnisse, in denen weder sein Name noch sein Geschlecht erwähnt werden, und ficht dabei einen Gewissenskonflikt aus, den der Mord an der Katze ausgelöst hat.

Immer wieder lässt das Kind sich dazu hinreißen, die Katze zu füttern. Ebenso billigt es zunächst, wie seine jüngeren Geschwister und seine Mutter die Katze umsorgen mit einem Hauch von Nichts, der ihnen selbst zum Leben bleibt. Als es zum ersten Mal Hand anlegt an das Katzentier, wirft die Mutter ihm vor, ein „Tierquäler“ zu sein. Das Kind fühlt sich bedroht durch den fünften Esser. In den Hungerjahren 1946/47 darbt es mit seiner Familie, sieht das Tier dagegen wohlgenährt und rund. Schließlich misshandelt und ertränkt es das Tier in einem Anfall von Hilflosigkeit gegenüber der Situation in einem Fluss.

Der Konflikt wird geschürt durch die Beschreibung menschlicher Züge bei der Katze: Ihr wird eine „Sprechrolle“ zu Teil, die sie miauen lässt, sie schreit wie ein Kind, sie kommuniziert außerdem  mit ihren Augen und wird mütterlich in Schutz genommen, nachdem das erzählende Kind einen Holzscheit nach ihr geworfen hat. Deutlich wird die Katze als lebendiges und liebenswürdiges Wesen herausgestellt, ihre „Gegenständlichkeit“ wird gesprengt. Ihre parasitären Eigenschaften werden durch Hervorhebung als Schutzbefohlene plausibilisiert und positiviert. Die Katze ist Opfer der Situation, sie ist wertig und wichtig. In diesem Sinne ist sie das spiegelbildliche Gegenüber des Kindes, das in ihr eine Gefahr wittert. Denn die Katze ist auch sein Substitut: Sie symbolisiert eine heile Welt, Kontinuität und Heimlichkeit. Auf ihrer Anwesenheit baut dieses Szenario, in dem sie selbst zum Kind wird, auf. Hier ersetzt sie das erzählende Kind, dessen Lebenssituation das Gegenteil von dem ist, was die Katze symbolisiert. Der Hauch von Familienglück und schönem Leben, an dem das Kind nicht teilhaben kann, ist ihm unerträglich, erschüttert es an Mark und Bein. Deswegen tötet es die Katze grausam. Doch gerade ihr Tod offenbart ihm ihr Dasein als Katze, als Wesen. Es reduziert das Tier auf das, was es ist, auf ein hilfloses Tier, das doch eigentlich gar nicht so viel esse. Das Kind widerstrebt der Moral, als es die Katze tötet, doch es erschafft im Gewissenskonflikt ob der Rechtmäßigkeit seiner Handlung eine neue Moral, eine hinterfragende Moral. Was mit der Katze stirbt, ist gleichsam ein Kadavergehorsam, der abgelöst wird von einer nachdenkenden Moral.

Der Titel der Erzählung ist vielsagend: In der roten Fellfarbe der Katze offenbart sich bereits zu Beginn die Farbe ihres Todes, ihre Kurzlebigkeit. Das, was sie symbolisiert, was sie in ihrem Wesen trägt, den Anschein von Glück, das ist nicht haltbar. Es deutet sich nur an und ist, noch während es erscheint, bereits im Entschwinden begriffen. Es ist, wie sie selbst auch, nur eine Szene im Leben des Kindes. Doch es ist eine einprägende Szene, die ihre Spuren hinterlässt. So, wie die Farbe rot, ist sie ein Signal für eine Änderung: Die Katze markiert einen Richtungswechsel. In diesem Punkt verleiht Rinser ihr neben der Kontinuitätssymbolik, die Hauskatzen aufgrund ihres Heimtierdaseins ohnehin genießen, zusätzlich eine Wendesymbolik. Die Katze vereint also Beständigkeit und Veränderung. In diesem Punkt ist sie mehrdeutig, gerade so, wie Katzen es meistens tatsächlich sind: Unberechenbar. Spätestens bei dieser Überlegung wird deutlich, wieso Rinser eine Katze, und keinen Hund für ihre Erzählung gewählt hat.

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